ARS UNA

Connecting Arts, Religion, Sciences - Alternative Philosophy of Development

  A modern Middle Way in Institutions and  Private Life  (in English and German)

Multipolare Einsamkeit



Schon in meiner Jugend habe ich in lauter verschiedenen Welten gelebt, die wenig untereinander ver­bun­den waren. Erst waren das grundverschiedene Familien. Unsere eigene war bereits hinsichtlich Vater und Mutter nicht einheit­lich, dann ebenso diejenige der Großeltern. Außerdem spiegelte sich das in verschie­denen Orten, teils in der Stadt, teils an der Küste auf dem Land.   


E.Barlach, Der Geistkämpfer, Nikolai-Kirche Kiel   

Während des Krieges gingen sowohl unsere Woh­nung als auch die großelterliche beide in Flammen auf. Unsere Unterkunft im Wochenendhaus der Großeltern an der Ostseeküste änderte sich dramatisch gegen Kriegsende. Es folgten ca. sieben Jahre später erste eigene heiß ersehnte Reisen, mit dem Fahrrad bis nach Österreich und zurück und noch mit einem Visum nach Paris, doch wieder ohne jede Mög­lichkeit zur Identifi­kation. Doch mir gefiel dieser Ortswechsel, nicht aber all der Wech­sel der Menschen. Wenn diese, wie vielfach geschehen, für immer verschwanden durch Umzug, Emigration oder Tod, machte das schwer zu schaffen.
Verstärkt wurde all dies durch zahlreiche Erlebnisse, deren Bedeutung von den Menschen um mich herum nicht sehr mitgefühlt oder sogar heruntergespielt wurde, die mir aber heute als einfach brutal in Erin­nerung sind. Werde beinahe von einer abfahrenden Straßenbahn überfahren, als ich noch aufspringen will. Schaue mir als ein spannendes Spektakel an, wie die dicken Sprengbomben aus den gewaltigen Flugzeug-Verbänden kleckern. Das Nachbarhaus in 10 Meter Entfernung stürzt, als wir bei einem nächt­lichen Fliegerangriff auf dessen Seite im Keller sitzen, durch eine Bombe zusammen. Man lässt mich nicht wissen, was mit den Menschen in ihm geschehen ist. Ein deutsches Flugzeug wird wenige hun­dert Meter vor meinen Augen gleich hinter den Sandbänken über dem Meer abge­schossen. Ich sehe, wie es dem Pilo­ten bei der geringen Flughöhe nicht mehr gelingt auszusteigen. Einige Wochen später schaue ich unmit­telbar zu, wie die inzwischen eingetroffenen Besatzungssoldaten alle Fischerboote, dort eine Hauptnahrungsquelle, mit Spreng­ladungen zer­störten.
Verstärkt wurden diese Erfahrungen durch die recht extremen Lebensumstände insbesondere während der harten grimmig kalten Wintermonate. Im November wäre bei einer Sturmflut der Deich um ein Haar gebro­chen, wo ich des Nachts beim Sandsäcke-Schleppen dabei war. Es folgte extreme Kälte mit minus 32 Grad und vom zugefro­renen Meer im Sturm an Land gewehten viele Meter hohen Schnee­massen. Tauwetter brachte später gewaltige  Überschwemmungen, bis zu einem halben Meter hoch im Haus stehend.
Man könnte meinen, dass mich das krank gemacht oder seelisch gestört hat. Es gab zwar nicht gerade leichte, zumindest vordergründig infektionsbe­dingte Krankheiten. Doch mehr trifft das auf meine sexuelle Entwicklung zu. Eine Klassenkameradin, die ich sehr gerne mochte, verschwand nach Österreich und durfte nicht mehr kontaktiert werden. Der Vater tauchte nur selten auf und kümmerte sich wenig um uns Kin­der. Ansonsten gefiel mir dieses Leben. Ich verstand die Vielfältigkeit als einen Gewinn, jedoch mit der Einschrän­kung, dass es eigentlich lebenslänglich nie einen Menschen gegeben hat, mit dem ich all diesen Erfah­rungsschatz teilen konnte. Später habe ich solche wechselnde Lebensformen in anderen Ländern weiter gesucht und bewusst durch das Erlernen der jeweiligen Sprachen vertieft, was noch mehr unmöglich machte, einen solchen Menschen zu finden, der diese Multipolarität mit mir teilen konnte.
Das Fazit zeigte sich nach manch einer späteren Meditation, die jeweils zu erneuter Meditation anregte.  
Je weiter es nach innen oder nach außen geht, desto einsamer wird der Weg.  
Erst im Alter verstand ich, was mich zu jener Zeit hätte krank machen können, aber nicht so empfunden wurde. Das wird heute als post-traumatisches Stress-Syndrom bezeichnet und von Psychologen eben als Krankheit behandelt. Außerdem kann von einem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom gesprochen werden. Selber habe ich beides später als wesentlichen Anstoß zu Vielseitigkeit verstanden, also nicht ein Spezialist zu werden, was zwar gewiss berufliche Nachteile mit sich brachte. Aber heute empfinde ich es als eine große Bereicherung.  

© Copyright   Hans J. Unsoeld,  Kiel, Bangkok, Berlin  2013/2018    
March 1, 2018