ARS UNA

Connecting Arts, Religion and Sciences - Philosophy of Development

A modern Middle Way in Institutions and  Private Life  (in English and German)

Pauschale Urteile
Dogmatisch gefärbte religiöse Erziehung

Als Rückkehrer von einem vierjährigen Leben in Südost-Asien fällt einem einige Zeit danach immer mehr auf, welches Ausmaß die hiesige Tendenz zu pauschalen Urteilen hat. Was auch immer der Neuankömmling, der dann zu einem Schreiberling mutiert ist, in seinen Texten und ganz ähnlich auch in privaten Gesprächen sagt, wird mit Kommentaren quittiert, die wenig mit Reflexion über das Gesagte zu tun haben, sondern offensichtlich,- ja, sogar sehr offensichtlich,- nur wiedergeben, was sie sowieso schon dachten oder fühlten, und was herzlich wenig mit dem zusammenhängt, was vermittelt werden soll.  

Erst schien, dass sie im Wesentlichen eine Art Missionar fürchten und sich davon absetzen wollen, was vielleicht noch verständlich sein könnte. Das löste  als eigene Reaktion extreme Bemühung aus, einn solchen Eindruck zu vermeiden. Doch das schien kaum Effekt zu haben und machte deutlich, dass zumindest zusätzlich und vielleicht sogar ausschließlich ganz andere Gründe die Ursache sein müssen.
Besonders deutlich wurde dieses bei persönlichen Gesprächen, weil auch auf die immer knapper gefassten Texte oft nur geringe oder gar keine Reaktion erfolgte, was natürlich zunächst zu der Frage anregte, ob sie es denn überhaupt gelesen haben. Das traf gewiss oft zu, oder die Lektüre ging nicht über die ersten paar Zeilen oder Seiten hinaus.
Das eigene steigende Bewusstsein für die Problematik bei Gesprächen zeigte mehr und mehr, welche großes Ausmaß dabei vorgefasste Meinungen spielen. Wie auch immer das bezeichnet werden mag,- entweder einfach als Vorurteile oder als pauschale Urteile oder gar pauschale Vorverurteilungen,- es wurde mehr und mehr deutlich, welches nicht nur große, sondern sogar enorme Ausmaß dieses Phänomen hat. Zusätzlich kam bei Konfrontation von Gesprächspartnern mit diesem Verhalten noch dazu, dass sie fast generell auf diesem als ihr gutes Recht beharrten und sich sogar noch versteiften.
Durch viele Jahre im Ausland, nicht nur in Asien, sondern auch in vielen anderen Ländern, hat sich jedoch klar ein eigenes Verhalten heraus gebildet, darauf zu achten, in solchen Fällen den Fehler zunächst nicht bei den Anderen, sondern bei sich selbst zu suchen und insbesondere deswegen kritisch gegen sich selbst zu sein, weil zum Beispiel mit zunehmendem Alter schnell gesagt wird: “Ach der Alter ist schon ziemlich verknöchert und merkt nicht mehr, dass es bei ihm selbst hapert.“
Also war wieder genaue Selbstprüfung angesagt, deren Resultat aber unterstrichen wird von der noch präsenten Erfahrung des vergleichbaren Verhaltens von Menschen in anderen Ländern, besonders in Asien. Es hat sich eine zutiefst erschreckende Neigung vieler Deutscher zu pauschalen Urteilen gezeigt, kombiniert oder mit der Folge, dass sie sich abschließen, hinter Zäunen oder Wohnungstüren zurückziehen und kaum zu einem tiefer gehenden Dialog bereit sind, ganz egal, ob dieser rational geführt wird oder auch nicht rationale Bereiche einbezieht. Diese Feststellung könnte mit vielen Beispielen untermauert werden, worauf hier aber verzichtet wird, weil sonst dieser Text zu lang würde und dann auch einen zusätzlichen Vorwand liefern würde, sich nicht mit dem eigentlichen Thema auseinander zu setzen. Außerdem aber sind die meisten der wirklich Einsicht gewährenden Gespräche natürlich in privatem Rahmen, also unter der landesüblichen Voraussetzung der Vertraulichkeit geführt worden, was auch einen genauen Bericht ausschließt, da es sehr schwer wäre zu vermeiden, dass trotz Orts- und Namensänderungen die betreffenden Personen erkannt werden.
Interessanter ist aber die Frage, was denn die Ursache für die hiesige starke Neigung zu pauschalisierenden Urteilen ist. Wieder könnte zunächst ein längere Beschreibung der heuristischen Bemühungen für nötig erachtet werden. Das wurde aber bereits einmal ausgiebig versucht, indem der Zusammenhang von Sexualität einschließenden Erlebnissen mit der Herausbildung von neuen philosophischen Ideen zu zeigen versucht wurde. Doch praktisch alle regten sich nur mehr oder weniger über jene „Geschichten“ auf und kaum einer drang bis zu den Erkenntnissen vor, die dabei gemacht zu werden schienen. Statt dessen wurden auch Erkenntnisse insgesamt quasi per Vorurteil verdammt und weggewischt.
So sei auch hier kurz und bündig das Resultat der Überlegungen oder Meditationen oder wie man es auch nennen möge mitgeteilt,- wieder wohl wissend, damit in die Gefahr zu laufen, selbst vorgeworfen zu bekommen, pauschale Vorurteile zu haben. Es scheint aber durch reflektierte innere Arbeit jetzt Klarheit darüber entstanden zu sein, dass dieses Verhalten der hiesigen Menschen mit dogmatisch gefärbter religiöser Erziehung auch in unserer scheinbar säkularisierten Welt zu tun hat,- noch deutlicher gesagt mit der unreflektierten Akzeptanz der Bibel,- immer noch und trotz aller angeblich existierender Aufklärung.
Die hiesige christliche Erziehungskultur basiert sehr viel weitgehender als den meisten Menschen bewusst zu sein scheint, auf Akzeptanz von gegebenen Verhältnissen und nicht auf der Anleitung zu eigenem entscheidungsfähigem Nachdenken. Statt Meditation herrscht hier das Gebet, was durchaus auch solche Verhaltensweisen fördern dürfte.
Was können wir hier machen? Es scheint dringend nötig, zu einer neuen Phase von durchaus weitergehender Aufklärung aufzurufen, als es sowohl zu Lessings Zeiten wie auch durch die moderne naturwissenschaftliche Entwicklung angetrieben geschehen ist.
Das muss aber einschließen, dass es endlich gesellschaftlich erlaubt wird, also zum Beispiel auch im Fernsehen, die Bibel zu kritisieren und sie gegebenenfalls auch “auseinander zu nehmen“. Vielerorts scheinen noch die Konservativen fest in den Löchern zu sitzen und solch eine Entwicklung verhindern zu wollen. Welches Übergewicht etwa kirchliche Vertreter in Kontrollorganen des Fernsehens haben, daran scheint nicht gerüttelt zu werden. Man macht es zu einem tabuisierten Thema.
Von offizieller Seite wird obendrein noch unverblümt verlangt, hier eine Leitkultur aufrecht zu halten, was wohl zu Recht als ein direktes Verlangen nach der Aufrechterhaltung von pauschalen Vorurteilen interpretiert werden kann. Dass da einem das Grausen kommt, ist vielleicht die richtige Antwort.  

© Hans J. Unsoeld, Berlin 2017. All rights reserved.
Updated August 04, 2017