ARS UNA

Connecting Arts, Religion, Sciences - Alternative Philosophy of Development

  A modern Middle Way in Institutions and  Private Life  (in English and German)

Endgefecht
v 3.9












Inhalt 

Zunächst war das Tier, am Ende . . . ?

Kindheit

Kompetenz

Die eigene Familie

Ortswechsel

Erwartungshaltungen

Gespenster am eigenen Horizont

. . . und am öffentlichen Horizont

Der kranke Bruder

Selber nur Wehwehchen?

Diagnose

Ziele und Tabus

Faule Kompromisse

Bürokratie und Versicherungen

Unzivilisierte Verhältnisse

Populismus und Nationalismus

Kultur ist mehr als Rationalität

Zwischen Abschottung und Öffnung

Eigene Befindlichkeiten

Konsequenzen

4D-Anime

Privat und öffentlich

Whistleblowing

Pauschale Urteile

Mittlerer Weg modern - drei Worte, drei Ziele

Entscheiden oder wählen

Cognition und Processing

Krankheit oder sinnvolle Abweichung von einem modernen Mittleren Weg

Vier Tabus

Wie eine Liebeserklärung machen?

Krieg führen – so oder so

Membranen und Grenzen

Grenzen – selbst erlebt

Sexuelle Gewalt Waffengewalt und Verstöße gegen gesellschaftliche Regeln

Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern

Aufklärung und Toleranz

Tabuzonen

Multipolare Einsamkeit

Tropenkrankheiten

Freiheit gibt keinen Halt - Bedroht zu viel Freiheit die Gesellschaft?  



Endgefecht 

Sum corvus. Ergo cogito. 

Avis cartesianus anno 2560  

Zunächst war das Tier, am Ende . . . ?  

Das eigene Leben wird auf jeden Fall tödlich enden. Das ist ganz normal. Die Normalität ihrerseits wurde auch von anderen Menschen schon genügend hinterfragt und für höchst fragwürdig erklärt. Solche Fragen drehen sich bereits innerhalb eines ersten Satzes im Kreise einer nie völlig erreichbaren Annäherung an etwas Unerreichbares. Das nennen die Liebhaber von Fremdworten „rekursiv“ und wird von den meisten für sinnlos gehalten, obwohl Zweifel angebracht sein dürfte. Mit dieser Feststellung wird aber das Problemchen zunächst auf die Sinngebung verlagert, und jeder kann machen, wie er/sie/es will. Bringt vielleicht Seelenfrieden. Dieses letztere Wort verlagert das scheinbare Miniminiproblemchen auf die Frage nach der Existenz einer Seele, wo sich zwischen humanistisch gesonnenen Geistern und den von vornherein für zu dumm erklärten Naturgewissenschaftlern immer noch tiefe, aber langsam überbrückbare Gräben auftun. Besteht bei vielen heutigen Menschen noch immer in ziemlich maßloser Selbstüberschätzung in dieser Hinsicht eine sehr fragwürdige Einstellung?

Die überhöhte Selbsteinschätzung mag auf der scheinbar zwanghaften und offensichtlich tabuisierten Distanzierung von bei Tieren vorhandenen Eigenschaften beruhen, vor allem im sexuellen Bereich. Im Buch „Asiatische Nächte“ wurde erzählt, wie er dazu kam, in die Identität eines Raben zu schlüpfen, der wie ein Nomade mit einer ungewohnten Art von Intelligenz jeweils an den ihm am lohnendsten erscheinenden Stellen plötzlich auftaucht und herumpickt. „So what“ krächzt dieser scheinbar unangepasste Rabe nun wieder und würde jetzt am liebsten seine sich an ihre Umwelt für so angepasst haltenden Mitmenschen nicht zum ersten Mal damit vor den Kopf stoßen, dass er krächzt, er würde im diesem Moment am liebsten vögeln, einerseits wie es eben ein ganz normaler Vogel gerne tut, und andererseits aus Protest gegen die in zu starren Konventionen und mit Tabus fixierte Gesellschaft.

Ach ja,- die Normalität! Da kann längst nicht jeder machen, was er will. Sie und es protestieren und bauen Schützenwälle aus Moral auf. Der Rabe mag diese von ihm Moralin genannte Bausubstanz überhaupt nicht. Aber es ist nicht seine Sache, sich in einen solchen Schützengraben hinter jenen Verteidigungswall zu hocken und am sowieso tödlichen Kampf teilzunehmen. Sind ja nur menschliche Spiele, und wer mitspielt, ist selber schuld. Ist das nicht so? Also möchte er davon flattern.

Doch es gibt Treibstoffprobleme. Die Flügel zeigen auch schon Korrosionserscheinungen, so dass die Absturzgefahr ein immer mehr ernst zu nehmendes Problem wird. Ist das auch nur ein Problemchen? Also Augen und Ohren zu und weitermachen? Außer Augen und Ohren gibt es auch noch die Nase. Andere Menschen können das nicht riechen oder es stinkt ihnen sogar. Folglich machen sie einfach einen großen Bogen um diesen für sie gaanz offensichtlich eben unangepassten Vogel. Vom „das“ nicht riechen können zum „ihn“ nicht riechen können ist es für sie häufig nur ein kleiner Schritt.

Macht keinen Spaß, denkt der Rabe, und überlegt, ob das nun ein Fall ist, um mit Suizid zu drohen oder irgendwelche weniger aufdringliche Erpressungsmanöver zu erwägen. Neee,- das ist nicht sein Ding. So amüsiert er sich einfach gern allein in seinem stillen Kämmerlein. Doch mit dem Alleinsein hat es auch seine Haken. Denn zu jenem Zeitpunkt hat sich eine aus früheren Märchenbüchern bekannte völlig menschliche Prinzessin auf nicht nur einer Erbse bei ihm eingenistet und kämpft um ihr Dasein, welches noch etwas länger als dasjenige des Raben währen könnte und also wohl ihrem Gefühl nach Vorrang hat. Stimmt das? Ist wichtig und richtig, dass sie kaum Ahnung von auch Tieren durchaus bewusster Integralrechnung hat und nicht realisiert, dass das Leben ein Integral von Dauer und Intensität ist? Vor allem mit der Intensität hapert es bei ihr aber aus der Sicht des von Biologie beeinflussten Raben deutlich. Das mag zu einem erheblichen Teil genetische Gründe haben, weil der anscheinende Mangel nicht nur in dieser Generation ihrer Familie auftaucht. Aber,- ja auch hier kommt gleich wieder ein Aber,- die oben gebrauchten Wörtchen „wichtig und richtig“ könnten zu absolutistisch, zu fundamentalistisch sein. Weichen sie zu sehr ab von dem in der letzten Zeit vielleicht schon lästig oft gepriesenen „Mittleren Weg modern“,- so der neueste Buchtitel? Außerdem meinen manche, dass auch der häufige Gebrauch des Ausdrucks von besagtem Mittleren Weg bereits zu weit von diesem selbst abweicht. Argumente von der Nutzlosigkeit rekursiver Annäherungen an was-weiß-eben-jener-Teufel-alles und die doofe Normalität werden in den Weg des Raben gelegt, ohne dass sie sich darüber im Klaren sind, wie leicht dieses Untier mit einem einzigen Flügelschlag darüber hinweg hüpfen kann.

Ist das Leben eines solchen Raben nun nutzlos? Ach nein, manundfrau können sich noch an dem lustig hüpfenden und weiterhin Startversuche machenden Pseudotier aus einigem Abstand wie in einem Online-Zoo erfreuen. Aber deswegen all den Quatsch zu lesen, den er verzapft hat,- oooooh nein! Das sei viel zu lang ausgewalzt und sicher alles aus dem Finger gesaugt. Dabei hat ein Rabe gar keine Finger, sondern nur Krallen. Fürchten sie etwa, dass er sich festkrallt? Warum sollte er, wo er doch jeden Moment weiterfliegen kann? Oder halten sie ihn für schon zu altersschwach, oder graut ihnen vor dem eventuellen Anblick eines toten Raben? Grauenvoll!

Wie für nomadisch gesonnene Wesen nicht untypisch fühlt sich dieser Rabe bisweilen sehr einsam, fürchtet aber Kommentare, welche damit anfangen: „Er könnte ja . . .“ Denn genau das ist der entscheidende Punkt des so gewählten Lebens, dass in jedem Moment eine unbeeinflusste Wahl offensteht. Das bedeutet nicht eine Aversion gegen alle äußeren Einflüsse. Keiner kann Wege suchen und dabei Entscheidungen machen, ohne auf die Stimmen seiner Umwelt zu achten,- ohne diese Stimmen aufmerksam zu achten, und zwar sehr. Unbedingt zu unterscheiden ist dabei aber einerseits das fast lautlose Gemurmel der schweigenden Mehrheit, welches einem mit Kommunikation einigermaßen vertrauten Wesen wohl nicht zu Unrecht nur wie ein störendes Hintergrund-Geräusch vorkommt. Im Grunde gilt es letzteres zur Erzielung eines guten Signal/Rausch-Verhältnisses, also eines guten Verhältnisses zwischen sinnvollen und sinnlosen Geräuschen, schlicht und einfach zu eliminieren. Andererseits sind Stimmen, welche auf Resonanz und damit auf dem Grundprinzip aller Langstrecken-Kommunikation beruhen, hoch willkommen und wahrscheinlich sogar lebensnotwendig. Wenn diese aber ausbleiben, sollten Alarmglocken läuten.

Sie haben nun geläutet. Was tun? Ganz verschiedene Möglichkeiten scheinen infrage zu kommen. Ist es ein blinder oder unbegründeter Alarm,- einer, der auf jeden Fall nicht so ernst genommen werden muss? Durchaus möglich, aber absolut nicht sicher. Oder wird jegliche Aktion von Lesern solcher Raben-Post für nutzlos erachtet, weil Nomaden sich eben nicht an eine Gesellschaft anpassen wollen und die in ihr wichtige schweigende Mehrheit sogar handfest infrage stellen? An dieser Stelle fängt der Rabe wieder an, sich selbstbewusst zu plustern und zu krächzen, dass die außerhalb einer solchen Gesellschaft lebenden Nomaden durchaus nützlich und sogar notwendig sein können oder es tatsächlich sind, indem sie wichtige Informationen von jenseits des mit Mauern umzäunten pseudo-abgesicherten Gebietes an die durchaus schutzbedürftige Gesellschaft zu überbringen fähig sind. Da dies vielen Menschen nicht klar zu sein scheint, bedarf es wohl näherer Erläuterungen. Die zur Übertragung von Nachrichten über größere Entfernungen wichtige Resonanz wurde bereits genannt. Jegliche Kommunikation über größere Entfernungen beruht auf Resonanz, wie man und frau Handbüchern über Sende- und Empfangstechnik entnehmen können.

Die Resonanz schließt aber auch die Verarbeitung von Information ein. Gibt es dafür Kriterien? Schauen wir uns verschiedene bekannte Nomaden aus früheren Tagen an! Reisende wie Odysseus oder Marco Polo haben von neuen Wegen und Lebensformen in damals bislang unbekannten geografischen Gebieten berichtet. Künstler wie Leonardo da Vinci oder Pablo Picasso haben in ganz anderen Dimensionen im Grunde ähnliches getan. Sie suchten auf ihrem Arbeitsgebiet unübliche Wege und fanden auch im eigenen höchst unkonventionellen Leben neue Formen. Von Geistkämpfern wie Immanuel Kant oder Naturforschern wie Alexander von Humboldt und Albert Einstein kann man sicher ähnliches sagen.

Gilt das nur für exzeptionelle berühmte Geister oder allgemeiner? Manch solch ein unüblicher Weg oder eine neue Lebensform wurden erst lange nach deren Tod in ihrer Bedeutung erkannt. Das trat umso deutlicher hervor, je stärker die Abweichung von der aktuell tonangebenden Gesellschaft verlief und auch, je älter der betreffende Mensch war. Einstein zum Beispiel hat seine Abweichung von der Gesellschaft bereits in jungen Jahren bestmöglich verborgen. Bis heute weiß man nicht, was mit seinem erstgeborenen Kind geschehen ist. Er wurde schon zu Lebzeiten wie ein Gladiator gefeiert, obwohl er bezüglich seines Rassismus erst im Alter von fast 50 Jahren zu besserer Einsicht gekommen ist, wie aus seinen Tagebüchern hervor geht. Andere, wie zum Beispiel Casanova, haben die Gesellschaft buchstäblich ausgepunktet und werden bis heute in weiten Teilen ignoriert. Der einzige Schluss, den man ziehen kann, ist der, dass es außer einer gewissen Abhängigkeit vom Alter keine Regeln gibt und nur die persönliche Einschätzung übrigbleibt.

Wie aber wird der Rabe eingeschätzt? Wenn ein Mensch es bisweilen vorzieht, sich mit einer veränderten Identität zu präsentieren, wie zum Beispiel in den in weiten Teilen autobiographischen „101 Nachkriegsnächten“ erst als ein Russe namens Igor, oder danach eben gar als ein Rabe, was mag die Ursache sein? Will er sich herausstellen oder verstecken oder hat das hauptsächlich mit seiner Umwelt und/oder der ihn umgebenden Gesellschaft zu tun?


Kindheit

Unübersehbar handelte es sich bei mir anfangs um einen mehr oder weniger einseitigen Naturwissenschaftler, der später diese Pfade verlassen hat, sei es aus inneren oder aus äußeren Gründen. Einige eher allgemeine Vorbemerkungen scheinen für den folgenden sehr persönlichen Teil nötig zu sein, wenn auch vielleicht nicht auf den ersten Blick.

In einer ersten Phase unseres Daseins entwickeln wir selbst und die meisten anderen Menschen und sogar Tiere uns in einer Gemeinschaft trotz allen genetischen Unterschieden und verschiedenen Umweltbedingungen weitgehend alle durchaus ähnlich. Lebewesen entwickeln sich zumindest in ungestörten Verhältnissen am Anfang der jeweiligen Generation entsprechend der ihnen zur Verfügung stehenden Nahrung und der mitgegebenen genetischen Information unter den regulierenden Einflüssen ihrer Gruppe und von wechselnden Umweltbedingungen. Der Grad der individuellen Unterschiedlichkeit ist meist noch nicht sehr groß, kann aber in Ausnahmefällen erheblich sein. Die eigene Gruppe ist im persönlichen Leben eine nicht unbedingt vollständige Familie, die der anderen Menschen entsprechend eine sich behaupten müssende Volksgruppe oder Gesellschaft. Bei Tieren kann eine Gruppe entsprechend zum Beispiel als Rudel oder Herde je nach den Umständen in deren Umwelt verschieden ausgeprägt sein.

In einer zweiten Lebensphase wachsen dann alle höheren Lebewesen in Anpassung an aktuelle Verhältnisse vor allem in Abhängigkeit von ihnen gesetzten, unterschiedlich durchlässigen Grenzen weiter. Sie unterscheiden sich also zunehmend weniger durch genetische Unterschiede als infolge von unterschiedlichen Bedingungen der jeweiligen Umwelt. In dieser zweiten, vor allem durch Grenzsetzungen bestimmten Phase kann vor allem durch die Individuen selber Einfluss auf einen durchaus über die eigene Gruppe hinaus gehenden Kreis genommen werden.

In einer dritten Phase hinterlassen sie schließlich der nachfolgenden Zeit ihren Körper und sowohl eventuell langfristig veränderte genetische wie auch vergleichsweise eher kurzlebige direkt weiter gegebene Information. In dieser letzten Phase kommt es auf die Übergabe an folgende Generationen an, sowohl materiell als auch kommunikativ. Beide Möglichkeiten sind nach der unverbindlichen Meinung dieses Raben ähnlich wichtig und sollten in einem Gleichgewicht stehen.

Eine gestörte Umwelt insbesondere während der ersten genannten, meist relativ einheitlichen Phase kann gravierende Folgen haben. Bei sich selber spürt man das in verschiedenerlei, nicht im Einzelnen vorhersagbarer Weise gewiss am stärksten. Hinsichtlich der genetischen Folgen ist bekannt, dass negative Folgen statistisch weit überwiegen, und dass aber die viel selteneren positiv einzuschätzenden Ausprägungen eine viel größere Bedeutung für die Entwicklung der Nachkommenschaft haben.

Die eigene Kindheit des vermeintlichen jungen Raben verlief in dieser Hinsicht in mindestens vier Punkten durchaus ungewöhnlich. Die Eltern wichen erheblich vom Durchschnitt ab. Körperliche Probleme hinterließen ihre Spuren. Der im Alter von drei bis fast neun Jahren hautnah erlebte Krieg wirkte sich traumatisch aus. Schlussendlich verursachten auch die harten Nachkriegsjahre und die schleppende Aufarbeitung der Vergangenheit große Probleme.

Der Vater, der als Forscher zu erheblicher Bekanntheit gelangte, welche scheinbar Türen öffnete, aber auch belastete, lieferte mehr materielle und weniger ideelle bzw. kommunikative Unterstützung, als jener selbst von seinem Vater, also dem eigenen Großvater, erfahren hatte. Die Mutter, ebenfalls akademisch profiliert und aber nach der Heirat an der Schreibmaschine dem Vater dienend, hat einerseits emanzipiert und andererseits im Widerspruch dazu sich vor allem der Küche widmend später auch nur einseitige Förderung gegeben, jedoch durch ihre starke Emotionalität auf ganz andere Art Nachwirkung hinterlassen. Dem Vater nacheifernd, aber unfähig mitzuhalten, brachte das ihrem Erstgeborenen von insgesamt vier Kindern, also dem späteren Raben, nur den Spitznamen Pater ein.

Krankheiten, sowohl durch falsche Ernährung als auch durch Infektionen, die durch schwache Abwehrkräfte leichter als in Friedenszeiten eintraten, bewirkten nicht nur ein spindeldürres Aussehen, das zum weiteren Spitznamen Mahatma Gandhi Anlass gab. Sie beeinflussten auch die weitere Entwicklung in mehrfacher Hinsicht. Emotionale Einschränkungen, sexuelle Probleme und sportliche Mängel zählten hierzu und steuerten ihren Teil bei.

Die sehr heftigen Kriegserlebnisse verschwanden zu einem erheblichen Teil binnen kurzem im Vergessen und kamen vielfach erst nach langer Zeit wieder alptraumartig zum Vorschein, vor allem in Angstträumen. Das im Jahre 1943 nachts völlig zerstörte große Schulgebäude, das nachts unter einer Sprengbombe einstürzende Nachbarhaus, während ich in zehn Meter Entfernung im Keller saß, später auf dem Lande Tieffliegerbeschuss auf dem Schulweg, direkt vor den eigenen Augen abgeschossene Flugzeuge und nach Kriegsende das Sammeln von Menschenknochen auf dem von Bomben aufgerissenen zentralen Stadtfriedhof gehörten dazu. Am schlimmsten kamen mir nachträglich Bomber vor,- Flugzeuge, die im Tiefflug über das Dach des Wochenendhäuschens, in welchem wir an der Küste evakuiert waren, dröhnend hinweg donnerten,- furchterregend, sie könnten jeden Augenblick ihre tödliche Last abwerfen. Welch Glück hatten wir, dass dort deren englische Piloten sie am Kriegsende „aufgeklärt“ auf freiem sumpfigen Felde abwarfen, wo die nicht zündenden schweren Kaliber später mit gewaltigen Explosionen gesprengt wurden. Wie dankbar bin ich mein ganzes Leben lang diesen couragierten Piloten gewesen!

Nach dem Krieg kamen dazu eisige Kälte, an der Küste gerade noch abgewehrte Sturmflut, Hochwasser durch abnorme Regenfälle und schlechten Wasserabfluss, abstruse Verkehrsverbindungen und zusätzlich lange anhaltende Tabuisierung der Vergangenheit und Hand in Hand damit der Sexualität. All dieses behinderte nicht nur die schulische Ausbildung in vielerlei Hinsicht zutiefst. Aus heutiger Sicht waren in jener Zeit das Fehlen von Auseinandersetzung mit dem Krieg und seinen Folgen und der Mangel an engagierten geistigen und körperlichen Beziehungen gleichermaßen die größten Probleme, welche tiefe Spuren hinterließen.


Kompetenz

Der besagte Rabe meinte nun, schon angegraut zu „Erkenntnissen“ gekommen zu sein, welche durchaus erheblich über sogenannte normale Lebenserfahrungen eines nicht mehr ganz jungen Mannes hinausgehen und im Bereich der Philosophie anzusiedeln wären. Natürlich tauchte sofort die Frage auf, ob er einerseits dazu die Kompetenz hat, und ob andererseits die vorgelegten Behauptungen fundiert und damit vertrauenswürdig sind.

Die hier infrage kommende Kompetenz beruht nach eigener Meinung sicher nicht auf Spezialistentum, woran die heutige Gesellschaft offensichtlich fest glaubt. Besagte Spezialisten werden in den meisten Institutionen und speziell an Hochschulen und großen Forschungseinrichtungen heran gezüchtet. Wer den Rahmen dieser Institutionen verlässt, dem wird mit Misstrauen begegnet, wozu sich eventuell auch noch die Angst vor Konkurrenten auf dem schnellen Außenseiter-Überholweg gesellen mag.

Umgekehrt wird ein solcher Außenseiter auch meist nicht dieselben Recherche-Möglichkeiten wie fest installierte Leute haben, obwohl das Internet hier heutzutage gegenwirken kann. Viele wissenschaftliche Institutionen geben jedoch ihre Original-Veröffentlichungen auch an sogenannte Privatleute nur gegen derart hohe Bezahlung preis, dass damit für einen herum pickenden armen Raben ein Sperrriegel vorgelegt ist. Als „peer review“ etablierte Fachleute können somit unter anderem folgern, dass die vorangehende Literatur nicht genügend von diesem Raben berücksichtigt wurde.

Einen vergleichsweise niedrigen Stellenwert haben für jene Herren in den Kontrollinstanzen ein viel weiterer Überblick sowohl über zahlreiche innerhalb und auch außerhalb der Naturwissenschaften liegende Fachrichtungen sowie über verschiedene Länder, ferner ebenso Kenntnisse einer nicht unerheblichen Zahl von Sprachen und vor allem die nach der Meinung des Raben oft völlig unterschätzten menschlichen Erfahrungen, die ein solches Leben mit sich bringt.

Der Rabe ist sich im Klaren, dass er ein abschließendes Urteil aller Wahrscheinlichkeit nicht mehr erleben wird und fühlt sich darin dem viel geschmähten Casanova nahe, dessen Werke erst lange nach seinem Tod Anerkennung fanden, und das auch oft nur mit einem Zähneknirschen. In dessem Falle stellte sich heraus, dass die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, denen er nachstrebte, im damaligen Rahmen tatsächlich nicht weiterführten und dass seine zeitgeschichtlichen Berichte von umso höherem Wert waren. Aber ob das auch hier der Fall sein wird, wissen die Götter. An Götter einschließlich vieler Herren von der peer-review glaubt der Rabe jedoch nicht mehr.

Aufgestellte Hypothesen müssen zwangsläufig reproduzierbar überprüft werden. Auf exakte experimentelle Art ist das im vorliegenden Fall jedoch weithin aus den eben angeführten Gründen bisher nicht möglich. Zusätzlich scheint es grundsätzliche Probleme zu geben, die eine mathematische Beschreibung mit bislang etablierten Methoden sehr oder zumindest unnötig kompliziert machen. Hier in zunächst eher hypothetischer Form Lösungen vorzuschlagen mag durchaus sinnvoll bezüglich der selbstverständlich zu fordernden Konsistenz sein. Es sei hier nur kurz angemerkt, dass in dem Buch „Jenseits von Wo und Wann“ die Ergänzung der logisch begründeten klassischen Mathematik der Funktionen durch eine stärker ganzheitliche Aspekte berücksichtigende Mathematik der Fraktale, tentativ Fraktomatik genannt, nahe gelegt wurde. Diese Gegenüberstellung wurde übrigens vor allem durch Vergleiche zwischen europäischer und fernöstlicher Kultur nahegelegt. Es folgte in weiteren Texten das damit zusammenhängende Aufzeigen von quasi ubiquitären Dualitäten. Außerdem wurde bereits im Rahmen des Buches „Querschnitte“ und auch in den folgenden Büchern auf mögliche neuartige mathematische Darstellungsformen hingewiesen, welche sich von dem Modell der Riemannschen Kugel ableiten lassen. Es wurde aber als unfair betrachtet, diese Lösungsansätze sogleich als Spekulation in einem abwertenden Sinn oder als Esoterik hinzustellen, wie es in einem Internet-Forum geschah. Als vorläufiger Gesichtspunkt möge als Bedingung dienen, ob konsistente Folgerungen gezogen werden können, die sich mit rekursiven Methoden verbessern lassen. Das scheint nicht nur der Fall zu sein, sondern ab einem gewissen Punkt sogar die einzig mögliche Art weiterzukommen.

Andere nicht immer freundliche Argumente zielen in den oben beschriebenen persönlichen Bereich, indem darauf hingewiesen wird, dass es sich nur um eine versteckte und hoffnungslose Auseinandersetzung mit dem bekannten Vater handele, von dem insbesondere in der schwierigen Nachkriegszeit wenig auf den Sohn übergegangen sei. Letzteren habe das aber dazu veranlasst, sich hinter einem Rabenkostüm zu verstecken. Ein bewusst lebender Mensch wird sich tendenziell mit seinem Vater auseinandersetzen. Sicher sind einerseits nicht alle dessen gute Eigenschaften auf den Sohn übergegangen. Andererseits schützen den Vater jedoch auch seine Erfolge nicht, bei ihm andere Punkte infrage zu stellen Aber gerade die völlig verschiedene, nicht stark vom Vater und dafür von Abenteuern beeinflusste Lebensform mag mit sich bringen, dass trotz in mancher Hinsicht widriger Umstände eigenständige neue Aspekte ans Tageslicht kommen.

Der wohl einzige Schluss, den man ziehen kann, ist der, dass seit dem Krieg starre Regeln an Einfluss verloren und persönliche Einschätzungen an Gewicht gewonnen haben. Tendenziell scheren sich die Menschen weniger um Moral und Ethik, mehr als zuvor wissend, dass auch Darwin noch ein Wort mitzureden hat. Doch dessen Einsichten erfreuen sich wohl vor allem in religiösen Kreisen weiterhin oft geringer Beliebtheit.


Die eigene Familie

In der elterlichen Ehe rumorte es nach zehn Jahren erheblich gegen den traditionellen Lebensstil eines braven Forschers, dessen Frau sich trotz eigener akademischer Meriten in die Küche zurückzog. Bisweilen schien die große Liebe weitgehend nur gemiemt, dann aber wieder zunehmend, eben in wechselndem Ausmaß.

Selber habe ich,- ja, ich, der Rabe,- zunächst meine Liebe zwischen der Mutter und meiner Großmutter, also deren Mutter, aufgeteilt. Sie alle beide zu lieben erschien mir ganz natürlich, doch ich bemerkte durchaus schon in jungen Jahren, dass die Beiden untereinander bisweilen auch heftigen Streit hatten. Als die Großmutter ausgebombt wurde und aufs Land zog, legte ich mir eine neue Ersatz-Großmutter im Dachgeschoss des von uns bewohnten Hauses zu, welche sich scheinbar genauso liebevoll um mich kümmerte, indem sie mir auch von ihrem eigenen früheren zeitweisen Leben in Italien erzählte und „Pinocchio“ vorlas, mit welchem ich mich gut identifizieren konnte. Als unser Haus dann auch abbrannte, verschwand diese aus meinem Leben. In dem kleinen Küstenort, wo wir schon vor diesem Ereignis evakuiert vier Jahre in dem schnell winterfest gemachten Wochenendhaus meiner Großeltern lebten, fing ich an, mich für jüngere Menschen zu interessieren, erst für die Mutter meines Freundes, dann für unser “Kindermädchen“, alle beide schön dickbusig und so als sehr mütterlich empfunden.

Vom Dualen hatte in der damaligen Situation niemand eine Ahnung. Von Psychologen wäre ein solches Verhalten wahrscheinlich als bipolar eingeordnet worden, also negativ und krankhaft an den Maßstäben einer gefestigten Gesellschaft gemessen. Doch weder schien es mir krankhaft zu sein noch gab es mehr eine gefestigte Gesellschaft.

Ähnlich ging es dann auch mit deutlich andersartigen und zunehmend jüngeren, meist wortkargen Mädchen weiter. “Hier” eine Tochter aus einer reichen fernen Kaufmanns-Familie mit entsprechender Attraktivität, “dort” eine aus einer dörflichen Schlachter-Familie mit ganz anderer Attraktivität. Später wieder in der Stadt folgten zwei erste Küsse, beide mit sehr lieben Wesen wieder aus Familien, die absolut nicht zu meinem Elternhaus passten. Die erste war die Tochter eines dänischen Kapitäns, also aus der damals als Speckdänen im deutschen Norden noch auf hässliche Weise geächteten Minderheit, und die andere kam aus der Familie eines Marine-Admirals, als Militär-Boss nach dem Krieg ebenso scheel angesehen. Beide hatten unübersehbar mit Schiffen, damals dem wichtigsten Zugang zur fernen unbekannten Welt zu tun, beide realisierten aber diese Rolle genauso wenig wie ich selbst, obwohl bereits mehr miteinander geredet wurde. Ging es im Grunde um die eigene Orientierung?

Das wurde etwas deutlicher mit zwei Schwestern, die die Töchter eines kunstliebenden Kollegen meines Vaters waren, der während der Nazi-Zeit in China gelebt und von dort unter anderem wunderschöne große Vasen mitgebracht hatte. Die ältere Schwester wurde zum Objekt meiner Liebe erklärt, weil sie wohl mehr meinem damals schon bevorzugten dunklen rundlichen Typ entsprach. Wie hässlich sie sich benommen hat, ist mir erst viel später klar geworden, als sie in einer spießigen Ehe landete, was mir fast wie eine gerechte Strafe für sie erschien. Die jüngere war als Minderjährige zu jener Zeit, als ich ihr brav und erfolgreich Nachhilfe in Mathematik gab, noch out of limits, aber zeigte sich schon viel liebevoller und gestand erst viele Jahre später ihre damals vorhandene Liebe und ihren Zorn über die Schwester. Doch sie war blond und schlank, also nicht so sehr mein Typ, und verfiel später dem Alkohol und wohl auch Drogen. Wie traurig!

So ging es im Wesentlichen das ganze Leben lang weiter, immer wieder zwei Partnerinnen, viele, viele Male. Zu jener Zeit fühlte ich mich damit schlecht, auf unerlaubten Wegen, im Grunde gegen das ach so christliche Gebot der Monogamie verstoßend. Noch nach der zum Teil auch aus ähnlichen Gründen gescheiterten Ehe verlief die Beziehung mit der nicht geheirateten Mamá meines lieben Sohnes erst in Konkurrenz mit einer prächtig tanzenden Halbzigeunerin, und als diese verschwand, mit einer zu ihr einige Ähnlichkeit habenden, heiß geliebten Russin im Hintergrund. Letztere wusste bald ebenso wie die Mamá keinen anderen Ausweg aus der für sie offensichtlich unverständlichen Situation, als ab einem gewissen Punkt jeglichen Sex zu verweigern, was mir selbst viel Schmerz bereitete.

Lag es bei beiden nur an fehlenden gemeinsamen geistigen Interessen oder andelte es sich doch um einen hoffnungslosen Fall von bipolarer Störung? Eine vorläufige Lösung Lösung kam erst nach dem Scheitern auch dieser Beziehung mit durchaus vielen gemeinsamen Interessen in Sicht. Überraschend liebe, oft vielseitig intelligente und kluge leichte Mädchen machten mir das Leben wirklich leichter. Bei ihnen konnte ich guten Gewissens mehrere, in Wirklichkeit meist nur jeweils zwei Mädchen,- ach. Ich sollte sagen: Frauen,- gleichzeitig lieben und lernte langsam besser eben die Frau in ihnen verstehen, wusste aber damals noch nichts von der Polyamorie-Bewegung.

Dadurch lernte ich auch wieder, mich auf Beziehungen in einem sozialeren Rahmen einzulassen. Doch mich einzuordnen in akzeptierte Verhältnisse blieb schwierig. Immer wieder gab es zwei Menschen gleichzeitig, und manches Rendezvous musste sich insgeheim abspielen.


Ortswechsel

Wohl weil auch jene Art von Leben im damaligen deutschen Rahmen nicht beliebig weiter gehen konnte, ergab sich die Quasi-Flucht nach Asien als willkommene Lösung. Mit 73,5 Jahren wurde ich schließlich Rentner und mit dem Problem der rasant ansteigenden Mieten insbesondere in München konfrontiert, was die Entscheidung beförderte. Mein Asien-erfahrener Bruder empfahl mir Goa.

Schon bald nach der Ankunft stieß ich dort auf zwei dunkelhäutige Schwestern, wieder die eine schön und sexy, die andere rundlich und lieb. Nunmehr schneller verstehend, dass beide trotz ihres für mich attraktiven Äußeren in solcher Einseitigkeit nicht das Richtige waren, ging die “Flucht nach vorn” schon zwei Monate später weiter nach Thailand, wo „alles“ viel viel besser zu sein schien. Dort folgten jedoch erneut ähnliche, sich scheinbar gegenseitig ausschließende Doppel-Beziehungen zu Thailänderinnen, die aber, vor allem nach besser werdenden Sprachkenntnissen, zunehmend als durchaus sinnvoll erschienen und absolut nicht nur, aber dennoch für europäische Verhältnisse auch sehr stark sexuell motiviert waren. Im letzten Jahr dort kam es zu jenem für mich unvergesslichen Tag, an dem ich mit voller Lust und ohne das geringste schlechte Gewissen an einem hellen Vormittag nicht einmal eine halbe Stunde hintereinander mit beiden in jenem Moment nach meiner Auffassung durchaus geliebten Frauen in voller Lust Liebe gemacht habe.

Mir ist es egal, wenn die meisten Mitmenschen sagen werden, dass das keine Liebe gewesen sei. Schließlich kann niemand so genau in mein Inneres hineinschauen. Auf jeden Fall habe ich beide in ihrem Leben unterstützt und, solange es noch möglich war, den Kontakt aufrecht erhalten. Die eine Schöne von ihnen war übrigens eine Generation jünger als ich, die andere noch Schönere sogar zwei Generationen. Soll doch die Nase rümpfen, wer will. Es war für alle drei erfüllt. Das könnte nur anzweifeln, wer dabei war.

Zu jener Zeit wusste ich bereits von Polyamorie und habe darüber schon damals in einem meiner Ebooks geschrieben. Etwas insgeheim zu tun wurde nun vermieden. Doch zunächst kam die Politik dazwischen. Wegen der dort einsetzenden Diktatur zog ich es sicher nicht ganz unbegründet vor, nach Berlin zurückzukehren, was mir viele klarere Einsichten, aber auch viel weniger lustvolles Leben brachte. Die dort weitgehend verlangte Einsicht, dass ein älterer Mann sich nicht um viel jüngere Frauen kümmern solle, teilte ich jedoch in scheinbarer Dickköpfigkeit weiterhin nicht. Hat dieses Thema nicht auch etwas mit gern ignorierten biologischen Gegebenheiten zu tun?

In einer Polyamorie-Gruppe im früher kommunistischen Ortsteil Pankow diskutierteb ich dort das Phänomen theoretisch bis in alle Einzelheiten, vor allem die Hierarchie in Partnerschaften. Jedoch was die Praxis betrifft, saß ich restlos auf dem Trocknen. Nein, so ganz stimmte das nicht, denn die Mamá meines lieben Sohnes hatte sich wieder bei mir eingenistet, doch unwillig und unfähig, erneut in eine wirkliche Beziehung eingehen zu können. Im Hintergrund zierte sich in München weiterhin jene russische Freundin mit möglichst weit reduziertem Kontakt. Bei allen Beiden, schien sich zunächst nur wenig geändert zu haben,- sie lehnten solch einen schrägen Vogel ab. Für sie blieb Polyamorie immer noch ein verabscheutes Futter. Immer noch! Und sie waren nicht die Einzigen.

Die Verhältnisse in jenem nun noch engerem Nest wären genügend Stoff für ein eigenes Buch gewesen. Doch hier soll nicht über Andere, sondern die eigene Situation geschrieben werden, und zwar nicht nur die äußeren, sondern genauso die inneren Befindlichkeiten. Dennoch seien im Telegrammstil ein paar vielleicht nötige Informationen zu diesem Thema gegeben.

In einer Dreizimmerwohnung lebten dort außerdem die 84-jährige, seit 15 Jahren gelähmte Mutter eines nicht ganz 50-jährigen, sich zunehmend als paranoisch erweisenden Altphilologen, den ich in einem recht regelmäßig besuchten kleinen Filmklub kennengelernt hatte, sowie ein fast mit dem Studium fertiger bosnischer, vom dortigen Krieg gezeichneter Informatik-Student aus Sarajevo. Es herrschte ein schleichend und in Schüben stark zunehmendes Chaos, welches hier ebenfalls kein Thema sein soll. Die eigenen Finanzen waren zu Anfang jener Zeit infolge der unerwarteten Flug- und Umzugskosten von Bangkok nach Berlin noch so schlecht, dass ein Ausharren für ein Jahr in diesen Verhältnissen unumgänglich war, bis durch eisernes Sparen still und leise wenigstens ein kleines Polster angehäuft war, um einen Umzug in eine bessere Bleibe einschließlich der dafür nötigen Kaution bezahlen zu können.

Derweil erfreute sich der durchaus mit Zweifeln selbststilisierte Rabe erst einmal an einem für ihn wunderbar warmen, lange anhaltenden Sommer mit Temperaturen, die ihn an Thailand erinnerten. Sein im Prinzip auch durchaus grünes Bewusstsein störte sich nicht sehr an den durch Trockenheit fast jedes Jahr zunehmenden Problemen auf den ausgedörrten Feldern der umliegenden Landwirtschaft. Am Ende des Sommers 2016 erfolgte die Flucht aus dem Chaos der unschönen Wohngemeinschaft, von praktischen Gegebenheiten bestimmt, in ein Seniorenwohnhaus nicht weit vom Tegeler See im noch heute von der französischen Besatzungszeit geprägten lebensfrohen und nicht an entsprechender Gastronomie mangelnden Nordwesten Berlins an, deren Genuss nur durch den weiterhin empfindlichen Mangel an finanziellen Mitteln eingeschränkt wurde. Vor allem die gleichzeitig fälligen Umzugskosten und die Kaution verschärften dieses Problem.

Immer noch aktiv, wie es scheinen könnte, wenn er den Umzug fast völlig allein aus eigenen Kräften geschafft hatte? Oder doch schon mehr schwächelnd, als er es sich selber zuzugeben willens war? Das blieb oft unklar. Er richtete sich zunächst angenehm, aber minimalistisch und einsam ein in dem sich als für Aktivitäten offen erklärenden, aber vom Zentrum eine halbe Stunde entfernten Haus.


Erwartungshaltungen

Was waren eigentlich die praktischen Gegebenheiten gewesen, die dorthin geführt hatten? Es handelte sich nicht etwa um ein Seniorenheim, wo üblicherweise Leute untergebracht werden, die schon einer gewissen Hilfe bedürfen, sondern um ein größeres Wohnhaus einer Wohnungsbau-Gesellschaft, mit welchem man insbesondere noch aktive Senioren ansprechen wollte. Beim Vorstellungsgespräch ging es vor allem um Kultur und wie diese dort gefördert werden könne. Mangels finanzieller Ressourcen bot der Rabe also einen eigenen kulturellen Beitrag an, und zwar in direktem Bezug auf sein vermeintliches Raben-Image die Realisierung eines Raben-Kulturklubs, zum Beispiel Gespräche unter Benutzung eigener bzw. aktuell relevanter vorhandener Computerinhalte. Dieses Angebot mit Bezug auf einen Raben war als Hinweis auf nicht nur rationale Inhalte ohne nähere Spezifizierung gedacht und schien bei dem Vertreter der Wohnungsbau-Gesellschaft Gefallen zu erregen. Es erleichterte zunächst den bei unübersehbar zahlreichen Konkurrenten nicht selbstverständlichen Abschluss des Mietvertrags. Der Vorschlag wurde nach erfolgtem Einzug in einem der wöchentlichen Treffen von interessierten Hausbewohnern präsentiert. Doch schon die pure Erwähnung, dass ein Unkostenbeitrag von etwa 2 Euro je Treffen sinnvoll sein könne, um zum Beispiel eine Videoprojektion zu finanzieren, stieß auf derartige Ablehnung, dass dahinter auch durchaus andere Argumente vermutet werden konnten. Waren es Aversionen gegen den Raben selbst, also gegen jemanden, der sich offen als Nomaden outete und somit als einen Außenseiter der Berliner Szene? Die Diskussion blieb eher oberflächlich, thematisierte nicht die Frage der Rationalität, und hängte sich vor allem an dem ungeliebten Unkostenbeitrag auf. Deutlicher war der folgende praktische Boykott der Veranstaltung, welche daraufhin schnell in der Vergessenheit verschwand.

Diese Situation schlug sich bei der abschließenden Abfassung des Buchs „Mittlerer Weg modern“ nieder, welches nacheinander in drei Teilen entstand. Der erste Teil „Janus modern“ befasste sich noch mit vor allem in der Naturphilosophie wichtigen dualen Verhältnissen und plädierte insbesondere für eine bessere Zusammenarbeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaften. Dahinter stand eigene Erfahrung in den letzten zwei Jahren in Berlin mit einem Philosophie-Klub, der durchaus von geisteswissenschaftlich orientierten Teilnehmern dominiert war. Im zweiten Teil „Quo vadis modern“ ging es um ein eigenes selbstbewussteres Vertreten der durch den nicht nur rationalen Raben symbolisierten Position. Es wurde versucht, diese auch nicht rationale Bereiche einbeziehende Absicht als alternative Philosophie zu etablieren,- ein Vorhaben, dem quasi sicher zunächst wegen fehlender Bekanntheit die Resonanz fehlen musste. Im dritten Teil „Civis modern“ wurde nun, angeregt durch die Situation im Seniorenwohnhaus, die Thematik einer Gemeinschaft zwischen Bürgern und Nomaden aufs Korn genommen. Als Nomaden wurden zeitweilig außerhalb des festen gesellschaftlichen Rahmens stehende Leute verstanden, also gleichermaßen durch Internetanbindung nicht am eigenen Wohnsitz arbeitende Menschen wie auch Auslandsdeutsche inkl. der zunehmenden Zahl von im Ausland lebenden nicht mehr berufstätigen Senioren.

Dieses Buch fand nun, verursacht von der Motivation durch die neue Wohnsituation, einen unerwartet schneller als gedachten Abschluss und wurde zum Jahresende 2016/17 als Book on Demand veröffentlicht, was eine gleichzeitige E-Book-Ausgabe einschloss. Das gemischt teils fiktive und teils autobiografische dicke Buch „101 Nachkriegsnächten“ wurde neu überarbeitet und ebenfalls als Book on Demand herausgegeben. Die übrigen Bücher sind nur als E-Books erschienen.


Gespenster am eigenen Horizont

Angeregt von dem Gefühl, die schriftlich fixierten Auseinandersetzungen mit der eigenen Version von Philosophie zu einem zumindest vorläufigen Abschluss gebracht zu haben, rückte zunächst wieder die Beschäftigung mit der thailändischen Sprache in den Vordergrund. Im Alter von über achtzig Jahren noch „dazu“ lernen zu wollen, schien eine Herausforderung zu sein, die sowohl als Fitnessübung als auch zum weiteren Verständnis des Unterschieds zwischen logisch empfindenden bzw. empfundenen europäischen und eher ganzheitlichen fernöstlichen Sprachen sinnvoll schien. Im Hintergrund blieb aber auch immer der stille Wunsch, doch noch einmal wieder in das unter eine Diktatur geratene und die Meinungsfreiheit massiv unterdrückende Thailand zu kommen.

In dieser Stimmung wurde der recht spontane Entschluss gefasst, noch einmal einen Thai-Kurs an der Volkshochschule zu buchen, was bei Wohngeldbezug zum halben Preis von 68 Euro möglich war. Der Kurs sollte in dieser Zeit ausnahmsweise in Wedding und nicht wie zuvor bei der Kurfürstenstr., also in besserer Erreichbarkeit stattfinden.

Aber wenige Tage später passierten Ereignisse, die Angst machen konnten, und zwar „wieder einmal“ sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben. Zunächst ging es um den persönlichen Bereich. Am rechten Fuß, der schon seit längerem deutlich gegenüber dem linken verdickt und dunkler gefärbt war, hatte sich eine kleine Schorfstelle unterhalb des Knöchels gebildet. Scheinbar achtlos wurde diese entfernt, was jedoch hervorrief, dass aus der entstehenden Wunde plötzlich ein kräftiger Strahl Blut auf den Fußboden spritzte, welche dank der minimalistischen Ausstattung dieses Rabennests keinen Teppich hatte. Eine Schlagader war aufgerissen und ließ sich aber mithilfe eines Pakets Papiertaschentücher als Druckverband in etwa zehn Minuten stoppen, was wegen der regelmäßigen Aspirin-Einnahme zur Thrombose-Vorbeugung gar nicht so selbstverständlich war. Der geschätzte Blutverlust lag auf jeden Fall bei über einem Viertel Liter Blut, welches anschließend schlicht und einfach aufgewischt wurde und damit für andere Personen unsichtbar blieb.

Bald danach zeigten sich düstere Gespenster am eigenen medizinischen Horizont. An den Füßen machten sich zunehmend Veränderungen bemerkbar, welche unleugbar auf eine zunehmende Altersdiabetes hindeuteten. Alle in das hiesige Krankenkassen-Denken integrierten Geister kamen natürlich sofort mit der „Idee“, dass der Blutzucker genau kontrolliert und eingestellt werden müsste. Nicht so jedoch der vom „A-Denken“ infizierte Rabe. Das A stand für asiatisch animalisch alternativ und war für rechtschaffende, vorschriftsmäßig im Versicherungswesen integrierte Bürger eine unverdauliche Kost, was jedoch als Dummheit auf den Raben projiziert wurde.

Der sich aber als natürlich empfindende Rabe lernte schnell, sich an eine regelmäßige, aber jeweils kleine Einnahme von Zucker-relevanten Nahrungsmitteln einzustellen, zum Beispiel alle 2-3 Stunden nur eine Schnitte Brot mit etwas „Gesundem“ als Beilage, vor allem gern Fisch, Eier und Käse, und eben Spaghetti anstelle von Kartoffeln und Reis.

Doch die Schmerzen in beiden Beinen nahmen insbesondere nachts und im rechten Fußgelenk höchst unangenehm zu. Aspirin, immer in der den Magen schützenden Protect-Form von Bayer genommen, und ebenso alle mögliche probierte Salben halfen nicht mehr. Was tun ohne Krankenkasse?

Die Wiederaufnahme der früheren AOK-Versicherung nach der Rückkehr von Thailand war daran gescheitert, dass sich die AOK und das Bezirksamt Berlin-Kreuzberg gegenseitig vermutlich bewusst damit blockierten, dass beide verlangten, die andere Partei solle zuerst aktiv werden. Das lange Hickhack rief nur Abneigung hervor, sich überhaupt noch mit diesem ungeliebten, ja sogar verabscheuten Bürokratie-Kram zu beschäftigen. Im Detail war die Angelegenheit übrigens noch komplizierter, was hier den Rahmen sprengen würde.

Die Rettung für die Probleme an den Beinen waren zunächst noch aus Thailand vorhandene und ohne Rezept erhältliche Medikamente, insbesondere Desoxymetason und Dichlorphenac, welche beide gut ansprachen. Als zusätzlich eine zunehmende Bronchitis Probleme machte, half ebenso die ohne Hinzuziehung von anderen Personen selbstverordnete Einnahme des noch vorhandenen Antibiotikums Amoxicillin durchaus zufriedenstellend. Also alles im Griff?

Die eigentlichen Probleme begannen erst, als die vorhandenen Medikamente aufgebraucht waren und im durch die rigoros durchgeführte Rezeptpflicht entmündigtem Teutschland für Nachschub gesorgt werden musste. Erst gab es noch hilfsbereite wagemutige Geister, welche auf offiziell nicht ganz legale Weise zu Nachschub verhalfen. Doch diesen lieben und aus der eigenen Sicht höchst anerkennenswerten Menschen wurde, so schien es, bald der Boden unter den Füßen zu heiß. Durch die Weigerung von Apotheken, die benötigten Medikamente ohne Rezept abzugeben, entstand bald ein durchaus bedrohliches Problem.

Zum Arzt gehen? Auch mit der Flüssigkeitsabfuhr aus dem eigenen Körper hatte es Probleme gegeben. So fiel die sehr ungern akzeptierte Entscheidung, zu einem Urologen zu gehen, der nach zwei Wochen Wartezeit schließlich eine etwa zwanzig-minutige Audienz gewährte, mit einem Ultraschallgerät sich ein mehr oder weniger deutliches Abbild dse Unterleibs verschaffte und die produzierte Flüssigkeitsmenge kontrollierte. Er stellte zwar ein nach eigenem Wunsch verlangtes Rezept aus, eine Diagnose gab er aber nicht. Doch trotz des deutlichen Hinweises auf die eigenen arg limitierten Finanzen kam bald eine Rechnung von 130 Euro für seine „Bemühungen“. Der Rabe zahlte grimmig knurrend, sich nicht jemals wieder dort sehen lassend.


. . . und am öffentlichen Horizont

War die fast gleichzeitige Wahrnahmeung von bedrohlichen Situationen im eigenen und im öffentlichen Leben nur eine persönliche Sichtweise eines solch untypischen Raben? Darüber sollte hier nicht philosophiert, sondern es sollte einfach berichtet werden, was geschehen ist. Die Ereignisse des Attentats in der Nähe der geschichtsträchtigen Berliner Gedächtniskirche sind aus den Medien bekannt, bei welchem fünf Tage vor Weihnachten 12 Tote und viele schrecklich verletzte Menschen zu beklagen waren.

Oder ist diese gleichzeitige Wahrnehmung doch ein entscheidender Punkt? Hatte der Rabe nicht in seinem letzten Buch die seiner Meinung nach oft unterschätzte Wichtigkeit des Nahbereichs bei der eigenen Verortung und dem daraus folgenden Austarieren des eigenen und auch des öffentlichen Mittleren Wegs in unserer, eben der modernen Zeit betont? Dass gleichzeitig und sogar schon längere Zeit zuvor im vielleicht gar nicht so fernen Aleppo ein viel grimmigeres, für unsere Vorstellung unvorstellbar grausames Massaker stattfand, wurde damit geflissentlich, wenn auch scheinbar unbewusst ausgeblendet. Dort wurde aber viel sichtbarer, dass es im Grunde um puren erbarmungslosen Machtkampf à la Darwin handelte,- in jenem Fall um den Zugang von Iran und damit Russland zum Mittelmeer. Dass im Hintergrund ein noch viel größerer Machtkampf lauerte zwischen China und dem Westen, wurde vollends von den meisten Menschen in Europa nicht wahrgenommen, was der arrogante Rabe aber durchaus mit seiner in Thailand geschulten Sichtweise für sich reklamierte. Er schrieb übrigens in dieser Zeit einmal scheinbar beiläufig einen Leserbrief zu dieser Problematik an die Bundeskanzlerin, erhielt aber, wie eigentlich auch zu erwarten war, nicht einmal eine Antwort auch nur einer ihrer dafür sicher eingesetzten Personen im Auswärtigen Amt. Der Rabe hatte sich wohl zu weit aufgeplustert.

All diese gewalttätigen Auseinandersetzungen wurden, hierzulande quasi als selbstverständlich angenommen, als Terror bezeichnet. Sie sollten nicht als Kriegshandlungen konzipiert werden, weil die von der anderen Seite gewählten Kampfformen nicht als freie Waffen-Wahl des Gegners gesehen werden sollten. Wäre sonst etwa das bereits lange zuvor erfolgte gewalttätige Auftreten insbesondere, aber nicht nur der Amerikaner unerwünscht stärker wahrgenommen worden? Erzeugte deren gewaltiges Militärpotential etwa bei der dortigen Bevölkerung nicht längst als viel schlimmer zu sehenden Terrorismus?

Der Rabe sieht die großen politischen Verhältnisse genauso wie sein eigenes privates Leben. In diesem Fall ergab sich nun eine Verknüpfung durch die Tatsache, dass der Thai-Sprachkurs, zu welchem er sich angemeldet hatte, abgesagt wurde. Er sei der Einzige gewesen, der sich dazu gemeldet habe. Wie konnte das geschehen, wo doch in dem entsprechenden Kurs vor einem Jahr, an welchem er teilgenommen hatte, noch fast mehr Teilnehmer waren, als zugelassen werden sollten? Ein wenig Kratzen am Hinterkopf machte schnell klar, dass der Grund wohl die diesmal ausnahmsweise vorgesehene Wahl der Lage des Veranstaltungsorts im Berliner Bezirk Wedding war. Dort befand sich eine Salafisten-Moschee, in welcher der Attentäter sich mit seiner Gruppe getroffen hatte. Die Aauf den ersten Blick biedere Wohngegend galt gewiss als unsicher wegen der vergleichsweise vielen dort befindlichen Islamisten. Freude verursacht dagegen der von einer jungen Berlinerin initiierte „March for Aleppo“, der am 10.Januar Tschechien erreicht hatte.

Übrigens flog der Rabe auch in Berlin scheinbar über das im Winter für ihn eisige Land und nahm wahr, wie dort die Amerikaner gerade ihren gewaltigen neuen Nachschub für die ach so Verteidigungs-Bedürftigen und ach so fortschrittlichen osteuropäischen Nachbarn über die hiesigen davon kaputt gewalzten Straßen transportierten und wie sich hier kaum jemand, aber in den Kommentaren des Berliner Tagesspiegels doch wenigstens einige Leute dagegen wendeten. Ihm wurde und wird davon angst und bange.


Der kranke Bruder

Brüderliche Geburtstagsgrüße waren schon lange eine durchaus herzliche Routinesache. Als wir aber im Sommer 2016 mit ein oder zwei Tagen Verspätung nach dem Geburtstag des Bruders miteinander telefonierten, ging es plötzlich um finalen Lungenkrebs, der nicht lange zuvor diagnostiziert worden war. Schmerzmittel auf Opiat-Basis blieben die einzige Behandlungsmöglichkeit, standen ihm jedoch bei seiner recht guten Versicherung trotz des hohen Preises ausreichend zur Verfügung. Die Nachricht berührte mich sehr, sollte aber vorläufig nicht an unsere Schwester weiter gegeben werden, da er ihre meist sehr emotionale Reaktion vorhersah. Er winkte auch bei dem Vorschlag eines baldigen Besuchs zunächst ab.

Zu diesem Zeitpunkt zog es den Raben durchaus noch so sehr in die Ferne, dass er mit verschiedenen Möglichkeiten spielte, sich dem Chaos in jener WG durch ein Flugzeug in den Süden zu entziehen. Thailand kam leider nicht infrage, weil die eigene, in den E-Books sehr deutlich ausgesprochene Kritik an der dort sakrosankten, aber selbst für zutiefst kriminell gehaltenen Monarchie zu kräftig und somit gefährlich war. Fünfzehnjährige Gefängnisstrafen wurden der Standard für derartige Kritik unter der dortigen Militärdiktatur. Auch die Nachbarländer hatten alle zwar nicht die gleichen, aber dennoch heftige Probleme in dieser oder jener politischen Hinsicht. So ging der Blick nach Afrika, trotz ebenfalls nicht zu leugnenden politischen Widrigkeiten vor allem nach Tunesien und Senegal, und zumindest nach Südspanien, also in Länder mit vertrauten Sprachen. Die Wahl schien auf das in bester Erinnerung seiende Sevilla oder die dortige nahe Küste zu fallen. Warum nicht ein kleiner Ort zwischen diesen beiden Möglichkeiten?

Die Nachricht von der schweren Erkrankung des lieben Bruders bewirkte eine praktisch sofortige Änderung dieser Pläne und eine viel höhere Motivation zur Suche einer besseren Bleibe in Berlin. Schon zuvor hatte sich herausgestellt, dass das Internet momentan dazu nur minimal taugte. Der „Thai-Park“ in Wilmersdorf war schon seit längerer Zeit das Ziel von nicht seltenen Besuchen, wo es vor allem an schönen Wochenenden absolut leckeres echtes thailändisches Essen gab an zahllosen geschickt ausgestatteten bodennahen Kochplätzen. Tische waren offensichtlich von den rigorosen teutschen Behörden untersagt. Außerdem bestand wenigstens rudimentär die Möglichkeit zum Thai-Sprechen. Dort ergab sich die trotz unangenehmer Rechtslastigkeit nützliche Bekanntschaft mit einem Berliner aus Wedding, der gute Auskünfte über Wohnbau-Gesellschaften und auch frei werdende Wohnungen eben in jenem Viertel gab. Doch für notwendig erachtete Renovierungen verhinderten die Freigabe einer zunächst ansprechenden Wohnung, als deren größter Nachteil sich die nahe Feuerwache mit häufigen lautstarken Ausfahrten herausstellte.

Erst ergaben sich damit gute Kontakte zu dem Büro einer solchen durchaus sozial eingestellten Gesellschaft im nördlichen Stadtteil Wilhelmsruh und dann zu einer anderen im Nordwesten an der Grenze von Tegel und Reinickendorf. Dort fand sich relativ schnell die bald bezogene Behausung in besagtem Seniorenhaus.

Der Besuch beim Bruder ließ sich erst nach vier Monaten realisieren, verlief aber sehr herzlich. Doch machte wie eh und je traurig, dass er alle „Schreibereien und Erkenntnisse“ vehement ablehnte und so überhaupt nicht erfuhr, wie starken und sehr positiv empfundenen Einfluss unsere früheren zugegebenermaßen bisweilen heftigen Diskussionen gehabt hatten. Für ihn blieben Diskussionen ein gegenüber Meditationen durchaus minderwertiger Weg. Sie dürften aber den Hauptanstoß zu dem gegeben haben, was dann alternative Philosophie genannt wurde und zunehmend als sehr praktikabel gesehene Methoden zu Konfliktlösungen sowohl in privaten wie in öffentlichen Bereichen zu eröffnen schien. Damit war vor allem die Hinzunahme von nicht rationalen Vorgehensweisen gemeint, was einen viel moderneren Zugang zu dem bislang eher als nur buddhistisch weltanschaulich gesehenen Mittleren Weg in den Blickwinkel rückte.

Ebenso viel Mitgefühl wie für ihn empfand ich für seine sehr sympathische, mich fast an eine Thailänderin erinnernde Partnerin, die den gleichen Vornamen wie schon einige nicht ganz unwichtige Frauen im eigenen Leben trug. Er erzählte von bereits gehabtem Hickhack um das Erbe, was die Entscheidung bewirkt hatte, die Nestplätze innerhalb seines Hauses zu wechseln. Verständlicherweise konnten Konflikte zwischen seinen Kindern und ihr voraus gesehen werden. Im Fall von Auseinandersetzungen war nun ihr lebenslanges Recht auf den Nestplatz dort gesichert, wovon seine Nachkommen wahrscheinlich nicht begeistert sein konnten.

Dies erinnerte mich an den Tod unseres anderen Bruders im Mai 2012. Dieser hatte sich restlos mit seiner Partnerin in einem nur von den Beiden empfundenen Zwist mit der für ihn offensichtlich unverständlichen Rabennatur abgekapselt. Er starb an einer eher seltenen Form der parkinsonschen Krankheit, ohne dass wir uns vor der Abreise nach Thailand noch einmal gesehen hätten. Meine Vermutung, dass die Frau vor allem an dem recht umfangreichen Erbe interessiert war, wurde aber nicht von allen geteilt.

Der Besuch ließ auch an den eigenen Tod denken, der vielleicht näher als gedacht war. So kam es zu der Erzählung von einem Traum, dass wir beide uns nach Einnahme einer Überdosis in vorher nebeneinander ausgehobene Gräber unter dem Kastanienbaum im hinteren Teil des Grundstücks an der Küste legten, dort einschliefen und zugeschaufelt wurden.

Dahinter steht auch die eigene Aversion gegen das landesübliche zwangsweise mindestens 5000 Euro kostende staatliche kontrollierte Begräbnis. Alles Konsum, alles bürokratisiert, alles ein überteuerter entmündigender Reibach! Hatte übrigens vor der Busfahrt dorthin, die sehr billig (je Richtung 14 €) online gebucht und im Smartphone zum Vorzeigen beim Einsteigen in den Bus gespeichert wurde, eine Neufassung meines nur begrenzt durchdachten Testaments verfasst, die auf einem USB-Stick gespeichert bei der Schwester ausgedruckt und in ihrer Gegenwart unterschrieben wurde.

Telefongespräche zwischen uns Brüdern waren deutlich offener als früher. Bei beiden ging es in Wellen auf und ab, und die Möglichkeit, sich selbst ein Ende zu setzen, wurde nicht ausgelassen. Mehr und mehr entstand das eigene Gefühl, vielleicht sogar schon auf der Überholspur zum Grenzfluss Hades zu sein.

Bei einem letzten Gespräch im März 2017 äußerte er sich ungehalten darüber, dass er bei dem letzten Besuch der Kieler „Restfamilie“ von der Existenz eben dieses Textes gehört hatte. Nichts über ihn sollte geschrieben werden. Er beruhigte sich, als ich sagte, dass nichts publiziert worden sei. Seine Besorgnis, der in vielen Tendenzen völlig anders geartete und gesonnene Bruder werde seine Anliegen falsch darstellen, weil diese im Grunde schriftlich überhaupt nicht darstellbar wären, konnte ich wohl verstehen, aber ein großes Aber blieb. Ein Rabe mag sich keinen Maulkorb umhängen lassen.

Dann doch überraschend starb er am Ende des Monats.


Selber nur Wehwehchen?

Seit der geplatzten Schlagader ging es mit der eigenen Gesundheit auf und ab, doch tendenziell eher in letzterer Richtung. Vor allem nahmen Probleme an den Beinen und der Haut in Wellen zu und plagten mit zunehmenden Schmerzen, die nur durch steigende Einnahme von Aspirin und Dichlorphenac in den Griff bekommen werden konnten. Wichtig erschienen aber auch weiterhin die morgendlichen meist etwa 15-20-minutigen Fitnessübungen, die von „Dauerläufen“ durchs Zimmer über verschiedenerlei Tanz bis zu Bauchtanz-artigen, andere Leute wohl eher zum Lachen reizende Varianten gingen, sowie reichlich Südfrüchte und Milchkaffee.

Ein Hauptproblem war die seinerzeit in Thailand so einfache Versorgung mit Medikamenten, die in Berlin aber durch die extrem rigorose Rezeptpflicht zu einer gravierenden Sache wurde. Die Deutschen scheinen in dieser Hinsicht von jeder selbstständig für einigermaßen gebildete Menschen möglichen Information aus dem Internet über den von Kenntnissen geleiteten Einsatz von Medikamenten bewusst abgeschirmt zu sein. Das mag sicher im gemeinsamen Interesse von Ärzten und Pharmaindustrien und somit auch der von ihnen weitgehend beeinflussten staatlichen Politik mit Zwangsversicherungen liegen, aber gewiss nicht im eigenen Interesse von entsprechend dem Kantschen Imperativ nicht völlig entmündigten Leuten.

Für viele Zwecke ausreichend oder sogar empfehlenswert ist zum Beispiel für jemanden, der die englische Sprache genügend beherrscht, was zugestandenermaßen in Deutschland auch immer noch ein großes Problemchen zu sein scheint, sich etwa auf den ausgezeichneten Webseiten der US-Mayo-Klinik zu informieren. Muss man sich scheuen zu sagen, dass dort oft bessere Auskunft als in vielen Arztpraxen zu bekommen ist? Die Ärzte haben weder oft die nötige Zeit, sich dort fortzubilden und diese Kenntnisse auch zur praktischen Anwendung parat zu haben, noch scheinen sie ebensowenig in vielen Fällen mit guten Englischkenntnissen brillieren zu können. Sie wurden ja in einer Tretmühle ausgebildet.

Von Tag zu Tag nahmen Ausschläge erst an den Beinen und dann auch am Körper zu, die von immer unangenehmerem Kratzen und Jucken der Haut und dann auch von Schmerzen in der Muskulatur begleitet wurden. Kaffee-Trinken und Wärme erwiesen sich als angenehm, was typisch für Durchblutungsprobleme ist. Salben sind dagegen eben ihrem Wesen nach nur oberflächliche Behandlungsmittel. Die Beschaffung von Medikamenten (vor allem Cortisol wie etwa Betametason) hat sich unangenehmerweise erst durch nicht angekommene Email und dann wohl durch vom immer seltener gewordenen Schnee verhinderte Zustellung verzögert. Dafür waren die ersten Exemplare des neuen Buchs von BoD eingetroffen, jedoch nur ein mäßiger Trost. Die eigene Energie und gute Überzeugung reichten nicht aus, um dieses Produkt trotz der gewiss noch vorhandenen Unzulänglichkeiten genügend unter die Leute zu bringen


Diagnose

Alles nur die typischen und gar langweiligen Altersprobleme? Doch das Alter kann in sehr unterschiedlichem Alter einsetzen. Die Benennung der Ursachen sollte nach abwägender Rabenmeinung ein duales Ding sein, also zum Beispiel sowohl den Body, aber auch das zuvorige Erleben einbeziehen. Meistens beschränkt sich das nur auf den ersten Teil, der vergleichsweise einfacher erscheint. Im eigenen Fall hatte eine Thrombose in den Beinen, besonders im rechten Fuß, sich durch eine typische Altersdiabetes vom Typ 2 verschlimmert und würde sich ab einem gewissen Punkt nur noch durch eine Amputation „kurieren“ lassen. Ein Rabe, der nur auf einem Bein hinkt oder in einem Rollstuhl sitzen soll? Das funktioniert nicht in der Natur dieser Welt. So krächzte er wieder einmal in wenig deutschem Dialekt: So what? und dachte an sinnvolle Methoden zur Kosten-sparenden Abkürzung mehr oder weniger sicher zu erwartender und teurer Leiden. Diese Methoden zuvor zu verkünden wird er sich wegen der zwangsneurotischen Neigung dieser Gesellschaft zur lebensverlängernden, aber wenig erfreulichen Intensivmedizin verkneifen. Lebenserhaltung als oberste Maxime? Oooh nooo! Da wird wohl mal wieder der animalische Teil zumindest in einem Rabenleben unterschätzt. Ein Exkurs über den Verdienst von Ärzten und das diskret diesen fördernde Versicherungssystem wird hier zunächst ausgelassen.

Bleibt die Diagnose des zuvorigen Lebens,- was wurde falsch gemacht? In jeder historischen Zeit gibt es selbstverständlich gewisse Abläufe und Tendenzen, die von fast allen „falsch“ gemacht wurden. Die mutationsartigen seltenen Fälle, in denen nicht das getan wurde, was als „normal“ angesehen wurde, können sich später als „richtig“ entpuppen. Doch schnell vergessen wir, was eigentlich der Maßstab ist,- Darwin oder die Moral?

Dieser Konflikt war gewiss auch im eigenen Dasein zentral. Das Zentrum jedoch wird von den eigenen Kreationen gebildet. Das ist gewiss vor allem der Nachwuchs, aber nicht ausschließlich. Es gibt zum Beispiel Menschen, die Spitzenleistungen vollbracht haben und aber nicht mit Nachwuchs glänzen können oder wollen. Wird das nur anerkannt, wenn tatsächlich und nach jetzt bereits erfolgter Anerkennung eine Spitzenleistung, eben wirklich eine Spitzenleistung, vollbracht wurde?

Wieder sollte ein Blick auf ganz einfache Gesellschaftsverhältnisse erlaubt sein. Geht es wirklich nur um Spitzenleistungen? Im Bienenstaat ist der Kamikaze-Tod einer Biene für die Gesamtheit sinnvoll. Ähnliches gilt auch bei den Menschen für den ach so gerühmten Heldentod von Soldaten. Wie steht es aber mit den sogenannten Erkenntnissen, Entdeckungen und Einsichten? Wer will denn entscheiden, was welchen Wert hat? Und in welchem Maß zählt die Gesellschaft oder das Individuum?

Bleiben wir bei der Kreation von Individuen, welche die zukünftige Gesellschaft formen, eben bei dem eigenen Nachwuchs. Soll er vor allem fit oder vor allem gut sein? Nach Abschluss einer gesellschaftlich oder individuell gewünschten Berufsausbildung sollte das vor allem die Partnerwahl beeinflussen. Sollte SIE vor allem fit oder gut sein? Das von einer biologisch denkenden Mutter gelenkte Rabenauge fiel auf eine in dieser Hinsicht gefallende Frau, welche aber selbst wie häufig in jener vaterlosen Zeit ebenfalls nur von ihrer Mutter erzogen war und zwar vorrangig dazu, gut zu sein. Gut,- das ist ein Begriff aus dem religiösen moralischen Bereich, in welchem diese auch verwurzelt war. Musste solche eher einseitige Haltung nicht zwangsläufig zu einem erheblichen Konflikt werden, weil besagte Moral sich nicht beliebig mit darwinistischen Tendenzen, mit Durchsetzungsvermögen vereinen lässt?

Als die ersten zwei weiblichen Jungen nun ausgeschlüpft waren, tauchte wieder dasselbe Problem bei der Erziehung auf. Welchen Anteil sollten dabei die religiöse Einstellung bzw. moderne Wissenschaft spielen? Inzwischen meinte der Rabe gelernt zu haben, dass Religion und Religiosität zwei grundverschiedene Dinge sind. Im erlebten Fall fiel die Entscheidung für die durch Anerkennung einer Bibel charakterisierte und damit als fundamentalistisch angesehene Religion seitens der Mutter, während der Rabe sich mehr und mehr von durch die Natur ausgelösten, aber durchaus auch in jüngsten kulturellen Entwicklungen zu findenden eben „nur“ religiösen Empfindungen angesprochen fühlte.

Nach seiner Meinung entspricht das weitgehend dem viel diskutierten Konflikt des 19. Jahrhunderts zwischen Materialismus und Idealismus, der erst in jüngster Zeit sich aufzulösen begonnen hat. So wurden materielle Gesichtspunkte, sprich: vor allem das gar nicht so liebe Geld für diese Nachkömmlinge besonders wichtig. Nein, es ging nicht unbedingt einfach nur um Geld, sondern auch um ein sich logisch begründen lassendes eigenes Haus, welches für ein Kriegskind eher Symbol für etwas leicht Zerstörbares ist. Dass die beachtliche Fitness der Nachkömmlinge vielleicht ein viel größerer Wert sein könnte, kam diesen wenig in den Sinn. Aber die Enkel wurden gute Sportler.

Hätte der als einseitig und antiquiert empfundenen konfessionellen Erziehung ein Riegel vorgeschoben werden sollen? Ein Ausgleich wäre nur dann möglich gewesen, wenn das Leben häufige Einflussnahme ermöglicht hätte. Weil dieses aber fehlte, konnte sich nicht einmal ein gefestigtes Bewusstsein für diese Situation entwickeln. Stattdessen wurde der Rabe verteufelt, weil er nicht genügend von eben jenem Geld herbei schleppte.

In einem zweiten Anlauf machte der Rabe alles anders,- keine Religion mit einer Bibel, kein Geld produzierender gesellschaftlich anerkannter Beruf, aber die Erziehung des diesmal geborenen Sohnes selbst in die Hand nehmend. Statt Moral und rationalen Fähigkeiten wurde Schönheit höher bewertet, statt Akzeptanz einer Bibel Meditation. Doch wozu war die neue SIE von ihrer von Osteuropa zu uns gekommenen geschiedenen Mutter erzogen worden? Das blieb zunächst im Dunklen, entpuppte sich jedoch als das weitgehende Fehlen von jeglicher elterlicher Erziehung in einem modernen Sinn bis hin zur Verweigerung einer Berufsausbildung, verursacht vor allem durch die nur mäßig verarbeitete Emigration und zu hohem Alkoholkonsum. So ergaben sich diesmal ganz andere Konflikte durch mangelnde innere Stärke und dadurch verursachte Einflussnahme von meist nur Eigeninteresse verfolgenden fremden Personen und Organisationen. Die vermeintliche junge Prinzessin geriet in die Räder einer religiösen Gruppe mit teilweise selbsternannten „Therapeuten“ und wurde neurotisch bis hin zu schweren Ängsten vor Verfolgung. Sie musste Deutschland verlassen,- vordergründig, weil sie nur von Sozialhilfe lebte,- und führte in ihrer Heimat mehr und mehr ein marginales Dasein.

Waren es beide Male nur gesellschaftlich verursachte Probleme? Zum Test wurde die eigene mehrjährige Emigration nach Thailand, wo ein Leben mit weniger fixierten Beziehungen und in einer als natürlicher empfundenen Umgebung das Rabenleben zwar zum Aufblühen brachte, aber gleichzeitig auch dessen Ächtung durch die Gesellschaft. Es ging nicht nur um die positiv als Polyamorie propagierte und negativ als Prostitution verurteilte Art des Lebens, sondern auch um die dadurch ausgelösten und hierzulande bislang nur wenig akzeptierten Schlussfolgerungen aus jenem Leben. Diese fanden ihren schon dargelegten Niederschlag in dem, was alternative, d.h. nicht auf Rationalität beschränkte Philosophie genannt wurde und statt eines Gebäudes ein sehr sinnvolles mutiertes dynamisches „Vehikel“ nicht nur aus Gedanken, sondern auch anderen zunächst eher als animalisch empfundenen Zutaten zu ergeben schien und weiterhin scheint. Darin ist diese Dynamik den mutant vehicles auf den jährlichen Burning-Man-Festivals ähnlich, welche zwar nicht auf Höchstleistung getrimmt sind, aber Fantasie und Lebensfreude beflügeln. Weniger statisches und mehr dynamisches Leben verheißt keine immerwährende Stabilität, sondern empfiehlt sich durch seine dauernde neue Anpassung, in der jeweiligen Situation die beste mögliche Lösung suchend durch laufendes Austarieren auf einen gar nicht utopischen oder gar esoterischen, sondern realistischen modernen Mittleren Weg, der in dieser Hinsicht eine Balance zwischen respektvoller Moral und darwinistischer Durchsetzungsfähigkeit bedeutet. Doch er bezieht sich gewiss nicht nur auf diese Hinsicht.


Ziele und Tabus

Wohin mag dieser Weg führen? Setzt dieses Suchen eine Zielsetzung voraus? Die klare Antwort ist ein Nein, denn das würde sofort wieder eine Form von Fundamentalismus einschließen, zum Beispiel von vorgegebenen Geboten oder einen ausschließlich auf Durchsetzung gerichteten Darwinismus. Sich über Ziele klar zu werden ist eine wichtige Aufgabe oder einfach das Ergebnis von Meditation. Diese können also veränderlich sein trotz der oft propagierten Erfahrung, man müsse „zielstrebig“ an einem einmal gesetzten Ziel festhalten. Dabei dürfte es sich oft um ein vielleicht verstecktes Herrschaftsinstrument handeln, das in einer patriarchalischen Gesellschaft vor allem, aber nicht ausschließlich von Männern ausgeübt wird.

Eine freie Zielsetzung wird aber von Tabus eingeschränkt. Nicht alles ist möglich oder erlaubt. Solche Tabus existieren gleichermaßen im privaten wie im öffentlichen Leben. Sie haben jedoch unterschiedlichen Charakter, wie im eigenen privaten Leben sehr deutlich wurde.

Wenn eine Prinzessin einen Schreiber braucht, wird sie sich deswegen nicht darauf einlassen, sexuell von ihm berührt zu werden. Sie bringt ihm etwas für seine Lebenserhaltung mit, und damit basta. Mehr wäre psychisch und gesellschaftlich für sie nicht mehr tolerabel,- sie sei ja keine Prostituierte. Es würde gegen ein wie auch immer entstandenes Tabu verstoßen.

Wenn eine Intimbeziehung einmal existiert hat, ist es nicht ohne weiteres, im allgemeinen sogar überhaupt nicht möglich, wieder zum Ausgangszustand zurückzukehren. In einer moralischen Gesellschaft wird zumeist verlangt, dann Sex und Macht auf Null zu schalten. In einer darwinistisch orientierten Gemeinschaft dagegen wird diese Rationalität ignoriert. Nicht-Einhaltung solcher Regeln würde ebenfalls gegen Tabus verstoßen.

Das erste Tabu kommt aus dem Gefühls- und Gesellschaftsbereich, während das zweite aus tiefer liegenden, eher animalischen Schichten stammt. Sind diese gegeneinander verhandelbar? Wenn es so wäre, würde der Rationalität eine übergeordnete Richter-Qualität zugebilligt. Das wird in der hiesigen öffentlichen Meinung, die sich nicht selten immer noch weitgehend an den Maximen des 19. und ersten Teil des 20. Jahrhunderts orientiert, so gesehen. Es schließt jedoch häufig eine durchaus fundamentalistische Überhöhung der Rationalität ein, welche sich zum Beispiel gleichzeitig in der Zurücksetzung aller Tiere verdeutlicht, also auch das Recht zum Jagen und Schlachten zugesteht.

Derart über Tabus zu sprechen läuft bereits auf eine Anerkennung der Priorität der Rationalität hinaus, was tief in der abendländischen Kultur verankert ist. Doch es gibt etwa den Ausdruck „Über seinen eigenen Schatten springen“, welcher andeutet, dass durchaus ein nicht-rationales Vorgehen zur Lösung derartiger Probleme möglich ist.

Das eigentliche Problem scheint eher zu sein, dass es kleine und große Tabus gibt. In streng rationaler, nämlich mathematischer Formulierung sind Tabus gleichbedeutend mit Singularitäten, die nicht messbar sind, weil sich in einem Koordinatensystem ihre räumliche und zeitliche Ausdehnung nicht bestimmen lässt. Trotzdem haben Singularitäten ein als integrales Volumen bestimmbares „Gewicht“, was ebenso für Tabus gilt. Auch nicht-rational scheint ein solches Gewicht gegeben zu sein, ohne dass es aber objektiv bewertet werden kann. Nur eine grobe weitgehend subjektive Einschätzung scheint möglich zu sein. Sich damit abzufinden ist wohl mit dem Schatten-springen gemeint. Ob das etwas mit der Vorstellung des Imaginären zu tun hat?

Das ist wiederum nur möglich, wenn die subjektiven Einschätzungen, etwa in der Persönlichkeitsstruktur begründet, nicht zu verschieden sind. Nur wenn der Wille vorhanden ist, sich hier in kleinen Schritten einander anzunähern, dürfte Aussicht auf Erfolg gegeben sein. Das aber erfordert bei dem Einen die Hinzunahme und bei dem Anderen das Aufgeben von Teilaspekten. Wieder kommen Wertungen ins Spiel, diesmal auf einer höheren Ebene, was typisch für Rekursion ist, welche wohlgemerkt nicht Rationalität voraussetzt. Das Verhandeln von Tabus dürfte also nur rekursiv, d.h. in kleinen „geduldigen“ Schritten und nicht unbedingt vollständig möglich sein.

Im aktuellen Fall war die Prinzessin nicht dazu bereit, und die Vorstellung endete zunächst mit einem Fiasko, nämlich Selbstmord-Drohungen, beruhigte sich aber wie zumeist nach einigen Tagen wieder.


Faule Kompromisse

Im öffentlichen Leben werden häufig gleichermaßen Ziele und Tabus verschleiert, vor allem, um eine Vorteilnahme für eine kleine Gruppe oder auch nur die eigene Person zu Lasten von großen Bevölkerungsgruppen zu erreichen, welche insbesondere dann erfolgreich sein kann, wenn es an Aufmerksamkeit und Verständnis seitens der vielen Betroffenen mangelt. Diese rationalen Qualitäten sind vorrangig nötig, erst dann kommt es auch auf Zivilcourage und Rückgrat an, also Mut und keine Feigheit. Dies zeigt deutlich, dass Rationalität durchaus eine höher-geordnete Stellung gegenüber den letzteren nicht-rationalen Eigenschaften haben kann, dass aber die nicht-rationalen Komponenten auch sehr wichtig sind.

Folglich dürfte es nicht falsch sein, sich letztere erneut ins Bewusstsein zurück zu rufen, auch wenn es manchen nach unnötiger Wiederholung klingen mag. Es geht um jene Bereiche, welche bereits bei Tieren eine erhebliche Rolle spielen und aber auch beim Menschen gewiss nicht zu vernachlässigen sind. Als moderner Mittlerer Weg könnte in den drei nicht-rationalen Bereichen verstanden werden, Gefühle gegen die eigene Energie abzuwägen, und/oder einen Ausgleich zwischen Sex und Macht zu finden, und/oder entsprechend auch die eigenen Aktivitäten einzuschätzen. Mit letzteren sind sowohl das berufliche wie auch das soziale Engagement gemeint, und in welchem Verhältnis das zur eigenen „Bewegung“ steht, welche symbolisch den Füßen zugeordnet werden könnte und von Ausbreitungstendenzen am oder nahe vom Wohnort über Reisen bis zu Expeditionen reichen mag.

Das kann immer noch so abstrakt klingen, dass darin keine Notwendigkeit zu praktischen Konsequenzen gesehen werden mag. So sei es noch deutlicher formuliert. Gefühle können eine weite Spanne umfassen, von Empathie bis zu Aufwallungen, und dasselbe gilt für die eigene Energie, die genauso von Erholung bis hin zu Hochleistungssport abhängen mag. Sex hat Aspekte von meditativer Zuwendung zum Partner bis zu biologischer Durchsetzung, während Macht als die sichere Basis einer Gemeinschaft bis hin zu ungehemmter Bereicherung gesehen werden mag. Und schließlich können alle Aktivitäten verschiedene Anteile von analytischem oder von synthetischem Bemühen, also ordnenden oder kreativen Tätigkeiten enthalten, während eigene räumliche Veränderungen von sinnvollen etwa baulichen Erweiterungen bis zu hemmungsloser Inbesitznahme und ebenso von durchaus erholsamem „Tapetenwechsel“ bis zu riskanten Unternehmungen gehen mögen.

Überall käme es auf einen meditativ im eigenen Nahbereich auffindbaren und Extreme vermeidenden Kompromiss an, der im Grunde besagtem modernen Mittleren Weg gleichkommt und aber für viele Menschen immer noch einem fundamentalistisch verstandenen Buddhismus ähnlich zu sein scheint. Dass dieser Ausdruck vorbelastet ist, lässt sich nicht von der Hand weisen. Doch klingt ein Mittlerer Weg nicht eher positiv als ein oft als falsch oder gar als faul verstandener Kompromiss?

Bürokratie und Versicherungen

Der Staat soll ordnend wirken, aber nicht zu einer Zwangsjacke werden. Schauen wir uns das zunächst wieder im privaten Bereich an. Das vorrangigste Ziel ist den meisten Menschen hier die eigene Gesundheit. Wie kann sie am besten gewährleistet werden? Es gibt eine weite Spanne von völlig selbständiger Sorge bis zu völliger Übertragung an Organisationen. Dieses ist aber gekoppelt an einen Ausgleich zwischen Arm und Reich. Gesundheitliche Ma0nahmen sind nur im Rahmen des jeweiligen Wohlstands zu finanzieren, also für Ärmere in sehr viel engeren Grenzen als für Reichere. Wie weit das akzeptabel ist, hängt in erster Linie von subjektiver Einschätzung ab, wird also je nach Einkommen und Besitz sehr verschieden beurteilt werden. In den Vereinigten Staaten von Amerika hat dies zu heftigen Auseinandersetzungen um die „Obama care“ geführt. In Deutschland tendiert die Meinung einerseits mehr zu besagter Zwangsjacke, während andererseits die Einkommensverhältnisse der Ärzte und der Pharma-Industrie und auch die rigorose Rezeptpflicht und die Inanspruchnahme von ausländischen Ärzten und Medikamenten weitgehend tabu sind. Dahinter steht aber auch die den meisten Menschen nicht so bewusste notwendige Forschung einschließlich der Gehälter der Forscher, welche ebenfalls in sehr unterschiedlichem Rahmen finanziert werden.

Insgesamt soll vor allem eine möglichst gute Versorgung für möglichst viele Menschen gegen zu hohe Kosten abgewogen werden, wobei aber der Finanzausgleich zwischen Reich und Arm hinein spielt. Für die Ärmeren sind die ihnen aufgebürdeten Versicherungen die fragliche Last, während die Reicheren vorrangig an Investitionskosten denken. Beides bekommt den Charakter von heiligen Kühen, die nicht geschlachtet werden dürfen.


Unzivilisierte Verhältnisse

Die eigenen Erfahrungen als Nomade deuten nicht gerade auf zivilisierte Verhältnisse hin, wenn wir wieder unter Civis die Gesamtheit der Bürger und Nomaden verstehen, also der innerhalb oder auch außerhalb der jeweiligen Gesellschaft lebenden Menschen einer Bevölkerung, welche insgesamt eine Zivilisation tragen.

Ein Vergleich der persönlich erfahrenen völlig unterschiedlichen Verhältnisse in Deutschland und in Thailand kann in dieser Hinsicht die Augen öffnen. Aus deutscher Sicht sind die Verhältnisse in Thailand rückständig, weil sowohl die medizinische Versorgung durch genügend viele entsprechende Einrichtungen als auch die Möglichkeiten für Versicherungsschutz sehr viel geringer sind. Hier wie dort ist aber in durchaus vergleichbarem Maß die Versorgungslage in ländlichen Gebieten wesentlich schlechter als in städtischen Bereichen, und ebenso haben hier wie dort Reiche eine bessere Versorgung als Arme. Es gibt jedoch auch Punkte, in welchen Thailand sehr viel besser dasteht. Die Eigeninitiative wird mehr einbezogen, was sich an nicht wenigen Stellen nach eigener Wahrnehmung deutlich positiv auswirkt. Das fängt an bei der Zuwendung von nachstehenden Menschen zu Kranken und der mit diesen verbrachten Zeit, was eine viel größere Rolle spielen mag als es den meisten Deutschen bewusst ist, geht über eine individuellere und den aktuellen Bedürfnissen angepasste Nahrungsversorgung, bis hin zu jener weltweit gerühmten Thai-Massage, die gewiss zu Heilungsprozessen und schon in der Vorsorge erhebliche Beiträge leisten kann und in manchen Richtungen durchaus auch sexuelle Stimulation einschließt. Es gehört dazu aber auch freier Zugang zu allen gewünschten Medikamenten, sofern es sich nicht um harte Drogen handelt, ohne dass ein Arzt dazu sein Plazet geben muss. Rezepte werden auch dort von Ärzten ausgegeben, aber nicht zur Reglementierung, sondern um den Patienten von ihnen selbst gewünschte klare Information zu geben. Wer sich nach Einschätzung des Apothekers auskennt, kann ohne weiteres selbständig die gewünschten Medikamente kaufen. Die Beratung durch Apotheker und einfache Krankenstationen spielt anteilig ein viel größere Rolle als in Deutschland und wird nicht durch Anspruchsdenken sowohl der Patienten als auch der Ärzte so sehr behindert.

Ein Beispiel mag die freie Verkäuflichkeit von Cortisolen sein. Bei beginnenden Hauterkrankungen sind diese häufig das Mittel der Wahl, um schnell eine weitere Verbreitung zu verhindern. In Deutschland müssen Patienten dann aber nicht selten weit über eine Woche warten, bis sie einen Termin bei einem Hautarzt und damit das geforderte Rezept bekommen. Die Kosten dieses Arztbesuchs und der damit verbundenen Bürokratie werden per Versicherung weitgehend der Allgemeinheit angelastet. Während dieser Zeit kann sich die Erkrankung erheblich und vielleicht sogar in gefährlichem Maß ausbreiten. In Thailand bestehen in dieser Hinsicht durchaus soviel Kenntnisse, dass interessierte Menschen eine solche Situation genügend beurteilen können. Zugegebenermaßen kommt es aber auch zu Missbrauch von Cortisolen, um etwa bei dort häufig dunkelhäutigen Menschen, was abschätzig angesehen werden mag, durch massiven und damit schädlichen Einsatz eine bleichere Haut zu bekommen. Das wird aber als ein von jeder mündigen Person selbständig einzuschätzendes Risiko angesehen.

Wichtig ist gewiss eine einfache allen Menschen gewährte Grundversicherung für eine medizinische Basisversorgung zu einem niedrigen monatlichen Preis. Unter der vergangenen linken Regierung erhielten die Thailänder diese zu einem auf die Lebenshaltungskosten bezogenen umgerechneten Preis von weniger als fünf Euro, was allerdings der durch Umsturz an die Macht gekommenen Militärdiktatur auch bereits missfällt und tendenziell abgeschafft wird.

Die eigene AOK-Krankenversicherung war während des Thailand-Aufenthalts stillgelegt. Eine dort gültige deutsche Versicherung ist trotz der dort oft nur zehn Prozent betragenden Kosten aber wesentlich teurer als eine Versicherung für Deutschland. Hinter solcher Politik stehen aller Wahrscheinlichkeit nach sowohl Unfähigkeit als auch Unwilligkeit zum Eingehen auf fremdländische Verwaltungsmethoden und sogar Geschäftemacherei mit der Unwissenheit der deutschen Versicherungsnehmer.

Nach der Rückkehr aus Thailand verweigerte die AOK Bayern die an sich vorgeschriebene Wiederaufnahme in die Versicherung mit dem Verlangen, erst müsse eine mögliche Grundsicherung abgeklärt sein. Umgekehrt verlangte aber das deutsche Bezirksamt für Grundsicherung eine vorherige Abklärung der Krankenversicherung. So setzten sich beide wohl in gemeinsamem Interesse gegenseitig schachmatt, was nach Meinung von mit solchen Situationen vertrauten Leuten sich nur durch Inanspruchnahme von einem guten, aber auch teuren Rechtsanwalt hätte lösen lassen, wozu offen gestanden nicht die geringste Lust bestand. So heißt es nun ohne die geforderten Rezepte auszukommen, was bedeuten kann, sich Medikamente zum Beispiel im Ausland auf auch nicht offiziell erlaubte Art besorgen zu müssen.


Populismus und Nationalismus

Noch einmal sei das Plädoyer für einen Mittleren Weg jetzt für das öffentliche Leben wiederholt. Der Staat soll ordnend wirken, aber nicht zu einer Zwangsjacke werden. In der großen Politik geistert das Gespenst des Populismus in Deutschland und vielen anderen Ländern herum. Auf den ersten Blick müsste das einem Raben eigentlich gefallen, weil es sich um die Hinzunahme von nicht-rationalen Elementen zu weitgehend auf logischen Prinzipien beruhenden und von Hochschul-Juristen bestimmten Vorgehensweisen handeln könnte. An diesem Punkt muss der sich als modern verstehende Rabe jedoch deutlich sein. Er wendet sich nicht gegen rationale Vorgehensweisen, sondern plädiert für die erneute Hinzunahme und gebührende Berücksichtigung von verdrängten zusätzlichen nicht-rationalen Bereichen, die bereits wieder und wieder genannt wurden.

Die aktuellen Tendenzen zu einem mehr als bedenklich erscheinenden Populismus widersprechen jedoch ganz klar rationalen Gesichtspunkten, appellieren in gewiss zu hohem Maß ausschließlich an jene anderen Bereiche und wollen rationale Entscheidungen übergehen oder gar bekämpfen. Das mag die verschiedensten Gründe haben von Unfähigkeit bis hin zu Unwilligkeit, lässt sich jedoch weder mit moralischen noch mit darwinistischen Argumenten stützen. Die Entwicklung des Menschen aus seinen tierischen Ahnen hat mit einem mindest doppelt so großen Hirn einen ganz entscheidenden Schritt gemacht, auf den nicht einfach verzichtet werden kann und welcher aber Rationalität auf ein vielleicht nicht genau bestimmbares, aber auf jeden Fall gegenüber den anderen Bereichen nicht zurück zu setzendes Niveau bringt. Genau das ist aber jedem Populismus vorzuwerfen, egal ob in der deutschen Ausprägung á la Pegida oder der französischen á la Le Pen oder der amerikanischen á la Trump.

Im Grunde scheint jedoch der mit dem Populismus eng verbundene Nationalismus das schwerer abzuwägende Problem zu sein. Vielfalt ist sicher keine schlechte Eigenschaft, welche sich aber bei praktischer Abschaffung aller Grenzen binnen weniger Generationen vielleicht zu stark verwischen würde, was vor allem im amerikanischen Sprachraum und sogar von Obama als Kreolisierung bezeichnet wurde bzw. wird. Einwanderung kann in vielerlei Hinsicht frische Impulse geben, sei es genetisch oder moralisch oder wirtschaftlich. Doch die Befürchtungen betreffen sehr unterschiedliche Geburtenraten der Einwanderer gegenüber der ansässigen Bevölkerung. Wenn die Einwanderer aus ideologischen Gründen eine im Lande praktizierte Geburtenregelung ablehnen, sind aber nicht die Einwanderer, sondern diese stärker fundamentalistischen Überzeugungen das eigentliche Problem, welches durchaus auf mangelnde Rationalität zurückgehen mag.

Geburtenregelung wird also das eigentliche große Thema der Zukunft sein, auch im Hinblick auf die zu stark anwachsende Weltbevölkerung, wobei sicher wiederum in einem ausgewogenen Gleichgewicht nicht nur moralische, sondern auch darwinistische Argumente berücksichtigt werden müssen, sprich die verpönte Selektion.


Kultur ist mehr als Rationalität

Neue Forschungen zeigen deutlich, dass dabei in der natürlichen Evolution zwei Faktoren dominieren, nämlich Anpassungsfähigkeit und ganz wesentlich durch schnelle Reaktionsfähigkeit bestimmte Intelligenz. Das sind jedoch zwar auch von Rationalität beeinflusste, jedoch bei weitem nicht ausschließlich von dieser bestimmte Eigenschaften. Für deren gebührende Berücksichtigung kann vielleicht zum Beispiel durch Hineinschlüpfen in eine angenommene Raben-Identität geworben werden, ohne jedoch auf eventuell sogar zunehmende Rationalität verzichten zu wollen.

Schnelle Anpassung an veränderliche Umwelt ist wichtig, und zwar sowohl individuell wie auch im kollektiven Bewusstsein. Ein solches kollektives Bewusstsein kann in einer weiten Spanne von gemeinsamer Schuld bis zu sozialer Gerechtigkeit entstehen, aber schwerlich unter repressiven Umständen. Wie wirkt sich das auf die Identität aus,- auf die eigene und diejenige der Gesellschaft? Entwickelt sie sich von Generation zu Generation? Wird sie auch genetisch fixiert durch Selektion, ähnlich wie in jeder folgenden Generation auch durch tendenziell bessere somatische Vererbung?

Sich vom selbst gespürten Kraftfeld aller im eigenen Lebensumfeld relevanten Bereiche bestimmen zu lassen, das ist durchaus praktikabel. Das ist nicht mit einer schnell zu verbreitenden rationalen Zauberformel möglich, sondern mit eigenem weiter gehendem Gespür unabhängig von fundamentalistischen Fixierungen und mit über reine Rationalität hinaus reichender Glaubwürdigkeit. So kann ein moderner Mittlerer Weg nicht nur mit dem Verstand verstanden und anderen Menschen ohne jeglichen Fundamentalismus attraktiv gemacht werden. Das bedeutet jedoch absolut keinen Verzicht auf Rationalität, wohl aber ein deutliches Zurückweisen von einfach übernommenen religiösen Glaubensvorstellungen.

Ein Digital Life Design kann sicher ebenfalls nicht die ganze für uns relevante Welt umfassen. Der Rabe liebt Amerika, Russland, China, Afrika und wohl auch Australien und die Polargebiete. Ist damit das unterschiedliche Zusammenwirken von Mensch und Natur gemeint, oder das Zusammenwirken von belebter und unbelebter Natur, oder sind wir einfach ein Teil der Natur?

Das Bindeglied zum Verständnis solcher Fragen ist möglichst weitgehend alle Bereiche einbeziehende Kultur, und zwar nicht nur alle gedanklich zugängigen, sondern auch gefühlsmäßige und den gesamten Erfahrungsbereich unseres Lebens umfassende Bereiche. Eine so verstandene Kultur muss zumindest gleichrangig mit Ökonomie und Ökologie sein und nicht nur bessere Einsicht, sondern vor allem auch Lebensfreude mit sich bringen, welche ganz gewiss nicht nur rational ist.


Zwischen Abschottung und Öffnung

Kultur lässt sich gewiss nicht zum Nulltarif verwirklichen. Sie braucht genügende äußere und innere Kräfte. Mit den äußeren Kräften seien im Moment die finanziellen und allgemeiner die materiellen Verhältnisse gemeint, welche teils ein eigenes und teils ein gesellschaftliches Problem sind. Aber was dabei der eigene Anteil zu sein scheint, kann ziemlich unklar sein. Einerseits tragen wir alle als Startbedingungen mit uns sowohl eine genetische Veranlagung als auch eine schon im Kindesalter geleistete Erziehung. Heute wächst aber auch das Empfinden für die Bedeutung starker Erfahrungen schon im Kindesalter, vor allem durch heftige äußere Umstände, insbesondere Gewalt und dies wiederum insbesondere durch Krieg. Dieser hat auch im eigenen Leben eine zunächst völlig heruntergespielte und sowohl selbst als auch von den meisten Menschen um einen herum nicht erkannte Bedeutung gespielt. All das kann, aber muss nicht die Beschäftigung mit Kultur einschränken.

Aus der eigenen, gern animalische Anteile herausstellenden Einsicht definiert sich Kultur wesentlich als Wechselwirkung zwischen Leben und Natur. Jetzt soll aber nicht auch auf Definitionen dessen, was nun unter Leben und Natur subsummiert wird, eingegangen werden, sondern auf die inneren Kräfte, welche im eigenen Dasein einen durch äußere Einflüsse verursachten und einen mit dem eigenen Körper zusammenhängenden Anteil haben. Die äußeren Einflüsse reichen von der oft unterschiedlichen Art der Ernährung bis hin zu den menschlichen Kontakten mit nahen und auch fernen Personen, die nach eigener Einschätzung ein durchaus wechselndes Gewicht haben können.

Sollen diese Einflüsse genauer genannt werden? Diese Frage berührt das Thema des Whistleblowing, welches im privaten Dasein meist noch viel heißer als im öffentlichen Leben sein dürfte. Wie gut sich Edward Snowden momentan mit seinem Dasein in Russland arrangiert hat, weiß man hier und jetzt nicht. Aber auch für ihn stellt gewiss die von Eberhard Richter stammende Formulierung „Flüchten oder Standhalten“ eine große Herausforderung. Doch der allseits geforderte Schutz der Privatsphäre stellt diese Frage in viel brennenderer Form, ganz besonders auch im eigenen Rabenleben mit durchaus menschlichen Anteilen. Warum sollen die Menschen um einen herum nicht wissen, was in unserem privaten und insbesondere in unserem Intimbereich vor sich geht?

Ist dasjenige, was sich dort abspielt, generell nicht mitteilbar oder für Andere bedeutungslos und nicht nachvollziehbar? Ist das ein eigenes Kapital, welches wir bei aller Skepsis gegenüber einem extremen einseitigen Kapitalismus nicht infrage stellen dürfen? Muss das Ergebnis einer Meditation genauso wie das eigene Bankkonto ein Geheimnis bleiben? Im Endeffekt läuft das auf einen einseitigen Darwinismus hinaus. Bei solchem Verhalten hat man den größten eigenen Vorteil im Daseinskampf. Was für die Menschen um einen herum von Vorteil sein könnte, wird als vernachlässigbar angesehen. Diesen wird von vorneherein im Allgemeinen eine Raubtier-Mentalität unterstellt.

Doch so einfach scheint es nicht zu sein. Solche Verhaltensweise ist klarer Ausfluss einer bestimmten Gesellschaftsform. Die unsrige ist kräftig beeinflusst von Entwicklungen wie den monotheistischen Religionen, protestantischer Arbeitsethik und eben besagtem einseitigem Kapitalismus oder genauso Kommunismus.

Umgekehrt ist schnell einsichtig, dass völlig ungehinderter Zugang zu allen Informationen genauso wenig wie die völlige Gleichverteilung aller materiellen Güter funktionieren kann. Kommt es nicht offensichtlich, - und der schon völlig verschüchterte Rabe wagt es schon kaum noch zu sagen,- auf einen modern verstandenen Mittleren Weg an? Weder ist die immer stärker aus dem Gleichgewicht geratende materielle Verteilung zwischen Arm und Reich in Ordnung, noch lässt sich dasselbe für den Umgang mit der Information und Kommunikation sagen. Das gilt aber jeweils sowohl im öffentlichen als auch im privaten Bereich. Überall müsste ein besagter und scheinbar zunächst absolut nicht geliebter Mittlerer Weg angestrebt werden. Gilt das nur im Konjunktiv?

Im öffentlichen Bereich handelt es sich nicht nur um jeglichen Austausch zwischen dem eigenen und den umliegenden Ländern, sondern auch mit den fern liegenden, etwa dem fernöstlichen Asien und selbst mit den ärmsten Gebieten der Welt. Gleichermaßen gilt das für die öffentlichen Medien, aber darüber hinaus auch für die Kommunikation in unserem intimsten privaten Bereich. Weder ist völlige Abschottung sinnvoll, ja überhaupt möglich, noch lässt sich dasselbe von völliger Öffnung sagen. Beide Extreme erweisen sich als wirklich gefährlich. Gefahr wird genauso hinter völliger Abschottung vermutet und kann zu schlimmen Präventivschlägen führen, wie völlige Öffnung ebenfalls große Gefährdung durch Schutzlosigkeit bei Angriffen von außen mit sich bringen mag.

Naturbeobachtung zeigt, dass selbst Tiere bereits ein deutliches Empfinden für diese grundlegende Situation haben. Sie kommunizieren sowohl über ihre Umwelt als auch über ihr eigenes Wohlbefinden, und ebenso ziehen sie sich gegebenenfalls in sichere Verhältnisse zurück, wenn ihnen erfahrungsmäßig begründete Gefahren zu lauern scheinen.


Eigene Befindlichkeiten

Die eigene aktuelle Situation hat auch immer eine materiellen und einen kommunikativen Anteil. Diese Eingrenzungen sollten jedoch nicht zu wörtlich genommen werden, sondern nur die Augen dafür öffnen, dass auch hier der Blick auf aller Wahrscheinlichkeit nach duale Verhältnisse nicht verschlossen werden sollte.

So gehören im Leben dieses Raben nicht nur das Geld, sondern auch die Gesundheit zur materiellen Seite, und beide erfüllen nur selten die Wunschvorstellungen. Ob wir diese nicht deutlicher Erwartungshaltungen nennen? Ein guter Freund hat dazu nicht nur einmal sein Motto verkündet, dass derjenige, der keine Erwartungshaltungen hat, auch keine Enttäuschungen haben wird. Was also tun? Wenn das Geld knapp ist, muss man sich darum kümmern, mehr zu bekommen. Wenn die Gesundheit nicht so ist wie man möchte, dann muss man etwas dafür tun, dass sie besser wird. Manchmal machen wir das wirklich und manchmal nicht. Das genau zu beobachten und daraus Schlüsse zu ziehen, mag auch eine Aufgabe von Meditation sein. Dabei geht es aber nicht nur um faktische eigene Möglichkeiten, sondern um Selbsteinschätzung von Potentialen. Ein Physiker spricht von Masse und Ladung, welche beide Potentiale erzeugen und Anziehung oder Abstoßung bewirken. Wieder einmal lost in translation?

Geht es nur um das angeblich liebe Geld, welches uns attraktiv macht und die Teilnahme an Spielen eröffnet, die über Glück oder Verderben entscheiden? Oder ist das nur ein Spiel, welches wir im Leben betreiben? Ein Spiel um Spiele? Sofort leuchtet wieder die rote Warnlampe auf: Vorsicht, Rekursion! Ganz egal, wie wir uns diesen Fragen annähern,- wir werden sie nie völlig lösen können.

Früher wurde der Glaube an die Realität der Erreichbarkeit damit genährt, dass die Begriffe Geld und Gold miteinander verschwammen und beide für etwas völlig Materielles gehalten wurden. Heute müssen wir einsehen, dass Geld einfach nur bedrucktes Papier und damit etwas Fiktives ist, das jederzeit seinen Wert verlieren kann. Wir können es selber verheizen oder Andere tun das für uns, doch der Effekt bleibt immer derselbe.

Und die eigene Gesundheit? Ist sie auch nur so etwas wie ein bedrucktes Papier? Wir wollen es nicht wahrhaben, aber die Gene sind die Druckmaschinen und unsere Kräfte sind unser Geld. Wir können sie genauso verheizen oder uns von Anderen verheizen lassen. Der Effekt bleibt scheinbar immer derselbe.

Ist es etwa der entscheidenden Unterschied, ob wir das selber tun oder Andere? Die Dinge selbst in die Hand nehmen, unabhängig entscheiden, laute Schreie nach Emanzipation? Hat das etwa auch seine Grenzen, wo bisweilen zwar übliche Grenzüberschreitungen vorkommen, diese aber deutlich als Singularitäten, als wichtige Einschnitte im Leben charakterisiert sind?

An dieser Stellen kommt dann die Bedeutung von Kommunikation voll zum Vorschein. Die Kommunikation „überlebt“ diese Singularitäten. Sie ist aber auch das entscheidende Element in dem Netzwerk, welches uns alle miteinander verbindet und auch voneinander abhängig macht. Ihretwegen können wir nicht alle Dinge selbst in die Hand nehmen, können nicht immer unabhängig entscheiden, und alle lauten Schreie nach Emanzipation müssen zwangsläufig irgendwann irgendwo verpuffen.

Die materiellen Dinge, die Materie,- so lehrt die Physik,- haben vor allem eine Nahwirkung, die Kommunikation dagegen eine Fernwirkung. Diese Physik wird gewiss nicht plötzlich im menschlichen Bereich falsch, wenn auch noch so auf Naturalisten und Naturalismus geschimpft werden mag.

Auch ein Rabe unterliegt diesen angeblich menschlichen Regeln und muss entscheiden, wie viel Geld er wann und wo jemandem zukommen lässt, und er muss darüber wachen, wann und wo ihm von wem diese Materie entnommen wird. Das ist eine Angelegenheit, die einerseits sicherlich nie und nirgendwo (sorry für den plötzlichen Fundamentalismus!) fehlerfrei verlaufen wird und die andererseits ganz entscheidend von ebenfalls nie perfekter Kommunikation abhängt.

Warum ist hier der Fundamentalismus gerechtfertigt? Der Grund liegt in der tief in aller Natur und auch in uns selbst verwurzelten gegenseitigen Abhängigkeit und dem untrennbaren Zusammenhang von materiellen und kommunikativen Aspekten. Nur ein Glaube? Einstein war kein Gott, sondern auch ein Mensch, der Fehler begangen hat.


Konsequenzen

Ob wir von Gott reden oder von der Welt oder dem Weltall oder der Natur,- welchen Unterschied macht das? Alle sind fundamentalistische Begriffe und alle lassen sich von uns nicht beeinflussen. Diese Instanz,- wie wir sie auch nennen mögen,- ist unerbittlich, ist gleichgültig, ist, ja ist sie? Am schlimmsten scheint die Bezeichnung Ontologie zu sein, weil sie am stärksten suggerieren könnte, dass wir etwas wissen,- dass wir wissen, was etwas ist. Naturgesetze? Sie geben uns kein Wissen, sondern Beschreibung. Doch wir können auch nicht DEN Gott, DIE Welt, DAS Weltall oder DIE Natur beschreiben. Fundamentalismus ist synonym mit Statik. Aber nur was sich bewegt, lässt sich erfassen. Leben ist weitgehend synonym mit Dynamik. Zwischen Statik und Dynamik liegt ein unüberwindbarer Graben, liegt eine undurchdringbare Wand ohne Möglichkeit zum Bohren von Löchern oder gar zum Bau von Tunneln.

Was tun? Können wir uns auf die Suche nach einem Etwas machen, welches das dennoch schafft? Keiner verbietet uns eine solche Suche. Sie wird massenweise praktiziert mit den skurrilsten Mitteln, mit materiellen wie Drogen und jeglichen Futtermitteln, mit „geistigen“ von unkontrollierter Irrationalität bis hin zur reinsten Liebe, doch zwangsläufig immer erfolglos. Es gibt weder Wunder noch Zaubermittel.

Aber uns steht die Dynamik voll zur Verfügung. Wir können dynamisch leben, dynamisch erfassen, dynamisch handeln, die dynamischen Bereiche sind grenzenlos außer jener Grenze zum Land der Statik. So sollte es sinnvoll sein, sich die Eigenarten von Dynamik im Vergleich zu Statik deutlich klar zu machen. Statik bedeutet völlige und exakte Berechenbarkeit, welche Dynamik nicht bieten kann. Beweglichkeit als Grunderscheinung aller Dynamik mag noch so genau erfassbar erscheinen, aber sie ist es nicht, und hier ist gewiss auch das Wort „nie“ angebracht. Ist dies die fundamentale Basis des Fundamentalismus? Oh Santa Recursione!

Reden wir besser von praktischen Fragen, die auffälligerweise in der jüngsten Zeit in den verschiedensten Ländern in den Mittelpunkt sowohl von politischen wie von psychologischen Diskussionen rücken. Sollen Handlungen, Taten und Entscheidungen berechenbar sein oder nicht? Gelten dieselben Regeln im öffentlichen wie im privaten Leben? Gilt eine Unschärfebeziehung nicht nur für die Teilchenphysik, sondern genauso im Bereich der Nerven und generell der Kommunikation?

Unberechenbarkeit erhöht die Durchsetzungsfähigkeit, Berechenbarkeit dagegen moralisches Verhalten. Wieder scheint es darauf anzukommen, eine Balance zwischen Extremen zu finden, einen ungern akzeptierten modernen Mittleren Weg. Balance bedeutet Abwägen, doch wer liefert die Gewichte? Auch Gewichte sind eine statische Angelegenheit und müssen also durch dynamische Werte ersetzt werden, was Abhängigkeit von Zeit und Raum beinhaltet, und damit zusammenhängend, wie im Vorhergehenden gezeigt wurde, genauso Abhängigkeit von kulturellen Werten, welche laufend variieren.

Das kann gefährlich werden, wenn sich diese Koordinaten schnell oder sogar abrupt ändern,- seien es Zeit und Raum oder seien es kulturelle Verhältnisse. So folgt daraus die Vermeidung von singulären, also von katastrophenartigen Veränderungen, welche jedoch erfahrungsgemäß nicht immer möglich ist und dann aber über Vergehen und neuem Werden zu völlig neuen Zuständen führt. Über deren Ausgang entscheidet natürliche Selektion, also ein Element aus dem unzugänglichen statischen Bereich, zu welchem die unbelebte Natur gehört. Dieses heißt Schicksal.

Ist jetzt Fatalismus angesagt? Glücklicherweise nicht, denn welcher Bereich der Natur, der Welt, des Weltalls und damit des Göttlich genannten wirklich unbelebt ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Ob wir daran glauben oder nicht, ändert aber auch nichts hinsichtlich unserer Erkenntnisse. Es kann uns nur psychologisch beeinflussen, und wie das zu bewerten ist, bleibt wieder ein Ding jener magischen weil nicht vorgebbaren Rekursion.


4D-Anime

Ein Anime (Animation) ist eine dynamische, also bewegliche (oder vielleicht auch bewegende?) Bilderfolge. Der Ausdruck wird in der letzten Zeit weniger gebraucht. Auch was unter Bildern zu verstehen ist, wird nicht immer deutlich gesagt. Anime schienen uns ursprünglich identisch mit animierten gif-Bildern zu sein. Den Menschen klar und akzeptabel zu machen, dass das öffentliche und das private Leben gleichsam Spiegelbilder zueinander sind, ist nicht immer leicht. Klar und akzptabel,- das nennt sich in sowohl Philosophen wie auch Hirnforschern verständlicher Sprache cognition and processing. Für „die“ Menschen könnten derartige Bilder in diesem Punkt eine durchaus erleuchtende Rolle spielen.

Doch Fehlzündung! Denn wieder und wieder wird vergessen, dass Rationalität nicht ALLES ist. Alles? Ein übles fundamentalistisches Wort, synonym mit Gott und/oder der Welt? Oder soll „nicht alles“ nur besagen, dass der Rabe wieder einmal als 4D-Anime auch Ober- und Unterleib und sogar die Extremitäten berücksichtigt haben möchte, obwohl es dort militärische Sperrgebiete gibt? Auf den Schildern steht nicht einmal „Tabu“, so geheim sind diese! Nur nicht weiter erzählen, dass unser Körper als ein kleiner aber feiner fraktaler Teil von eben Allem bzw. Gott oder bezüglich DER Welt aufgefasst werden könnte! Und auffassen ist eben mehr als die dumme Rationalität. Dazu gehören u.a. auch die Krallen. Leider bleiben nur die Esoteriker „außen vor“, weil sie die Worte cognition and processing nicht mögen und nicht verdauen können, welche eben auch mitspielen.


Privat und öffentlich

In Animen können Sequenzen aus dem Privatleben gern durch Märchenfiguren animiert dargestellt werden. Märchen überschreiten die Grenzen des Rationalen, doch besonders im westlichen Kulturbereich werden sexuelle Inhalte in Märchen nicht selten nur verschlüsselt dargestellt, wie zum Beispiel in „Dornröschen“ von den Gebrüdern Grimm. Märchen sind also ähnlich wie der Karneval oder Fasching oder Fastnacht über Jahrhunderte hinweg extraterritoriale Gebiete der Kanzeln von allen-möglichen Schattierungen. „1001 Nacht“ durfte deshalb bei uns lange nicht ungekürzt gedruckt werden und Casanova ebenso wenig. Dies ließ sich meist gut durchsetzen, wenn Kirche und Machthaber „unter einer Decke stecken“ (Verzeihung für den sexuellen Ausdruck!).

Häufig wird über reale private sexuelle Verhältnisse genauso wie über solche öffentliche wie gedruckt gelogen. Der an dieser Stelle fällige Bericht unterliegt daher im Augenblick auch noch der Zensur, bei welcher allerdings in Randbereichen deutlich Auftauen beobachtet werden kann. Die Oberschicht gerät jedoch eh und je und überall nicht nur leicht, sondern heftig in Panik, weil an ihren Pfründen genagt werden könnte. Wer den modernen Mittleren Weg entlang wandelt, fasst das natürlich zutreffend nicht nur rational auf. Doch wo gibt es Politiker, die der Unterschicht angehören und sie repräsentieren, und welche nicht selber irgendeinem Fundamentalismus anheim fallen? Zur Zeit fragen sich viele, ob Martin Schulz auch ein Versager ist.


Whistleblowing

Das aus Presse und Fernsehen geläufige Pfeife-blasen überschreitet nach Meinung der Unter- bzw. der Oberschicht verschieden weit Grenzen im öffentlichen Leben. Es dient damit nach Auffassung der hier vertretenen Philosophie der Entwicklung eben jener Entwicklung.

Beim Whistle-blowing in den drei bekanntesten aller Fälle von Edward Snowden, Julian Assange und Chelsea Mannings spielt der evidente sexuelle Anteil der Story eine nicht zu übersehende Rolle. Snowden‘s Partnerin folgte ihm freiwillig in das angeblich so düstere Russland und bildet den imaginären Anteil dieser gar nicht immer völlig öffentlichen 4D-Anime. Assange kann wegen einer angeblichen Vergewaltigung die ecuadorianische Botschaft nicht verlassen und der nicht-öffentliche Teil spielt sich hinter einer Balkontür und laut vielleicht böswilligen Gerüchten auch anderswo ab, Mannings unterzog sich einer Geschlechtsumwandlung, die nach bislang meist in der menschlichen Kultur akzeptierter Meinung ebenfalls sakrosankt ist. Sind diese Menschen nun der Beweis dafür, dass für das Privatleben überhaupt nicht gilt, was sich im öffentlichen Teil heraus zu stellen scheint? Dafür gibt es nicht die geringsten Beweise. Wohl aber gibt es diese dafür, dass die Dinge im Privaten noch viel gefährlicher sind, weil nur die Oberschicht weitaus bevorzugt Polizei und Militär zur Verfügung hat.

Sollten nicht auch deswegen Polizei und Militär möglichst weitgehend voneinander getrennt sein? In wie viel Ländern und auch bei uns kann man schließlich merken, und zwar nicht nur „cognitiv“, dass man Polizei und Militär mehr und mehr in einen Topf werfen möchte. Ach wie den Polizisten dickere Waffen und Machtzuwachs gefallen!


Pauschale Urteile

Als Rückkehrer von einem vierjährigen Leben in Südost-Asien fällt einem einige Zeit danach immer mehr auf, welches Ausmaß die hiesige Tendenz zu pauschalen Urteilen hat. Was auch immer der zurück gekehrte Neuankömmling, der dann zu einem Schreiberling mutiert ist, in seinen Texten und ganz ähnlich auch in privaten Gesprächen sagt, wird häufig mit Kommentaren quittiert, die wenig mit Reflexion über das Gesagte zu tun haben, sondern offensichtlich,- ja, sogar sehr offensichtlich,- nur wiedergeben, was sowieso schon gedacht oder gefühlt wurde, und was herzlich wenig mit dem zusammenhängt, was vermittelt werden soll. 
Erst schien, dass im Wesentlichen eine Art Missionar befürcht wird, von dem man oder frau sich absetzen will, was vielleicht noch verständlich sein könnte. Das löste  als eigene Reaktion extreme Bemühung aus, einn solchen Eindruck zu vermeiden. Doch das schien kaum Effekt zu haben und machte deutlich, dass zumindest zusätzlich und vielleicht sogar ausschließlich ganz andere Gründe die Ursache sein müssen.
Besonders deutlich wurde dieses bei persönlichen Gesprächen, weil auch auf die immer knapper gefassten Texte oft nur geringe oder gar keine Reaktion erfolgte, was natürlich zunächst zu der Frage anregte, ob sie es denn überhaupt gelesen haben. Das traf gewiss oft zu, oder die Lektüre ging nicht über die ersten paar Zeilen oder Seiten hinaus.
Das eigene steigende Bewusstsein für die Problematik bei Gesprächen zeigte mehr und mehr, welche großes Ausmaß dabei vorgefasste Meinungen spielen. Wie auch immer das bezeichnet werden mag,- entweder einfach als Vorurteile oder als pauschale Urteile oder gar pauschale Vorverurteilungen,- es wurde mehr und mehr deutlich, welches nicht nur große, sondern sogar enorme Ausmaß dieses Phänomen hat. Zusätzlich kam bei Konfrontation von Gesprächspartnern mit diesem Verhalten noch dazu, dass sie fast generell auf diesem als ihr gutes Recht beharrten und sich sogar noch versteiften.
Durch viele Jahre im Ausland, nicht nur in Asien, sondern auch in vielen anderen Ländern, hat sich jedoch klar ein eigenes Verhalten heraus gebildet, darauf zu achten, in solchen Fällen den Fehler zunächst nicht bei den Anderen, sondern bei sich selbst zu suchen und insbesondere deswegen kritisch gegen sich selbst zu sein, weil zum Beispiel mit zunehmendem Alter schnell gesagt wird: “Ach der Alter ist schon ziemlich verknöchert und merkt nicht mehr, dass es bei ihm selbst hapert.“
Also war wieder genaue Selbstprüfung angesagt, deren Resultat aber unterstrichen wird von der noch präsenten Erfahrung des vergleichbaren Verhaltens von Menschen in anderen Ländern, besonders in Asien. Es hat sich eine zutiefst erschreckende Neigung vieler Deutscher zu pauschalen Urteilen gezeigt, kombiniert oder mit der Folge, dass sie sich abschließen, hinter Zäunen oder Wohnungstüren zurückziehen und kaum zu einem tiefer gehenden Dialog bereit sind, ganz egal, ob dieser rational geführt wird oder auch nicht rationale Bereiche einbezieht. Diese Feststellung könnte mit vielen Beispielen untermauert werden, worauf hier aber verzichtet wird, weil sonst dieser Text zu lang würde und dann auch einen zusätzlichen Vorwand liefern würde, sich nicht mit dem eigentlichen Thema auseinander zu setzen. Außerdem aber sind die meisten der wirklich Einsicht gewährenden Gespräche natürlich in privatem Rahmen, also unter der landesüblichen Voraussetzung der Vertraulichkeit geführt worden, was auch einen genauen Bericht ausschließt, da es sehr schwer wäre zu vermeiden, dass trotz Orts- und Namensänderungen die betreffenden Personen erkannt werden.
Interessanter ist aber die Frage, was denn die Ursache für die hiesige starke Neigung zu pauschalisierenden Urteilen ist. Wieder könnte zunächst ein längere Beschreibung der heuristischen Bemühungen für nötig erachtet werden. Das wurde aber bereits einmal ausgiebig versucht, indem der Zusammenhang von Sexualität einschließenden Erlebnissen mit der Herausbildung von neuen philosophischen Ideen zu zeigen versucht wurde. Doch praktisch alle regten sich nur mehr oder weniger über jene „Geschichten“ auf. Kaum einer ließ sich auf die Erfahrungen, Einsichten oder Erkenntnisse ein, die dabei gemacht zu werden schienen. Statt dessen wurden diese insgesamt quasi per Vorurteil verdammt oder für unsinnig erklärt und weggewischt.
Als ein Resultat der Überlegungen oder Meditationen oder wie man es auch nennen möge mitgeteilt,- wieder wohl wissend, damit in die Gefahr zu laufen, selbst vorgeworfen zu bekommen, pauschale Vorurteile zu haben,- scheint jetzt aber erheblich klarer als zuvor zu sein, in welchem Ausmaß dieses Verhalten der hiesigen Menschen noch mit dogmatisch gefärbter religiöser Erziehung auch in unserer scheinbar säkularisierten Welt zu tun hat,- noch deutlicher gesagt mit der unreflektierten Akzeptanz der Bibel,- immer noch und trotz aller angeblich existierender Aufklärung.
Die hiesige christliche Erziehungskultur basiert sehr viel weitgehender als den meisten Menschen bewusst zu sein scheint, auf Akzeptanz von gegebenen Verhältnissen und nicht auf Anleitung zu eigenem entscheidungsfähigem Nachdenken. Statt Meditation mit dynamischer innerer Offenheit herrscht hier immer noch das auf statischer Akzeptanz beruhende und sich im Wesentlichen auf Bitten, Danken und Unterordnung beschränkende Gebet vor, was durchaus auch solche Verhaltensweisen fördern dürfte.
Was können wir hier machen? Es scheint dringend nötig, zu einer neuen Phase von durchaus weitergehender Aufklärung aufzurufen, als wie es zu Lessings Zeiten und durch die moderne naturwissenschaftliche Entwicklung angetrieben geschehen ist.
Es muss endlich gesellschaftlich weniger sanktioniert werden, zum Beispiel auch im Fernsehen die Bibel zu kritisieren und sie gegebenenfalls auch “auseinander zu nehmen“. Vielerorts scheinen noch die Konservativen fest in den Löchern zu sitzen und solch eine Entwicklung verhindern zu wollen. Welches Übergewicht etwa kirchliche Vertreter in Kontrollorganen des Fernsehens haben, daran scheint nicht gerüttelt zu werden. Man macht es zu einem tabuisierten Thema.
Von offizieller Seite wird obendrein noch unverblümt verlangt, hier eine Leitkultur aufrecht zu halten, was wohl zu Recht als ein direktes Verlangen nach der Aufrechterhaltung von pauschalen Vorurteilen interpretiert werden kann. Dass da einem das Grausen kommt, ist vielleicht die richtige Antwort.


Mittlerer Weg modern - drei Worte, drei Ziele

Die aktuelle Politik,- nicht nur die deutsche, nicht nur die europäische, nein weltweit,- steckt in größten Schwierigkeiten. Die drei wesentlichen Punkte werden genau von den drei Ausdrücken “mittlerer” und “Weg” und “modern” erfasst.  
Wir haben keine Mitte mehr. Was tun?  
Es fehlt gleichermaßen eine geistige wie eine materielle Mitte. In unseren Anschauungen werden wir nach links und nach rechts gezerrt,- in vielen Bereichen. Einerseits Tradition negierende und andererseits erzkonservative religiöse Gruppierungen versuchen Einfluss auf das private wie das öffentliche Leben zu nehmen. Zerrissene dekonstruktivistische und rein konsumorientierte Kunst versuchen beide zu dominieren. Immer weiter überspezialisierte und auf der anderen Seite populistische Tendenzen breiten sich an unseren Bildungsstätten und damit auch in der Politik und im Staat aus.
Überall wird zu wenig getan, um zu einer mittleren Position zu finden. Einzelne Personen können zwar etwas, aber nicht genügend bewirken. Deshalb spielen Wahlen im Prinzip eine enorme Rolle. Doch deren Bedeutung wird nicht genügend genutzt oder sogar massiv unterlaufen und missbraucht, wie etwa das Beispiel des britischen Brexit kürzlich in erschreckender Form gezeigt hat.
Es muss dringend in stetiger, aber zügiger Form ein Ausgleich zwischen den auseinander driftenden Bevölkerungsgruppen geschaffen werden. Als DAS geeignete Mittel dafür erscheint die Erhöhung der Grundsteuer. Dieses dürfte das einzige Mittel sein, um genauso wie einen extremen Kommunismus auch einen extremen Kapitalismus zu vermeiden und aktiv einen sinnvollen Zustand zu erreichen, in welchem die Vorzüge beider Systeme beibehalten und auch die Nachteile beider Systeme vermieden werden. Die Erhöhung der Grundsteuer muss gleitend und nicht schrittweise erfolgen, so dass ein störungsfreier Übergang gewährleistet ist.  
Viele Wege scheinen blockiert zu sein. Was tun?  
Unsere Wege in eine bessere Zukunft sind sowohl geistiger als auch materieller Art. Geistige Vorgaben kommen immer noch und sogar zunehmend wieder von Glaubensüberzeugungen und der Einflussnahme von Vertretern religiöser Organisationen und beeinflussen damit stark materielle Verteilungen. Historische Beispiele zeigen die Wichtigkeit von Säkularisierung für den menschlichen Fortschritt im kulturellen und politischen Leben. Das wichtigste Mittel dazu ist eine strikte Trennung von Kirchen und Staat, welche aber neuerdings wieder weniger realisiert wird. Bestrebungen zu entscheidenden Neuerungen lassen sich so massiv unterlaufen, ohne dass es der Öffentlichkeit bewusst ist oder gemacht wird. So scheint ein erneuter und ebenfalls gleitender, aber zügiger Druck zu stärkerer Säkularisierung dringend auf die Tagesordnung zu gehören, welcher auf ein Zurückdrängen des Einflusses von Religionsvertretern in allen staatlichen Organen gerichtet ist.   
Wir wissen nicht genug, was modern bedeutet. Was tun?  
Es muss ein Bewusstsein dafür wachsen, dass eine Leitung durch fixierte, im Grunde mittelalterliche Überzeugungen einem modernen dynamisch verstandenen Leben mit laufender Eigenentscheidung sowohl im privaten wie im öffentlichen Leben diametral entgegen läuft.  Beten hilft nicht, denn das beinhaltet festhalten an vorgegebenen Glaubensgrundsätzen. Meditation dagegen meint eine persönliche Fragestellung, die davon völlig unabhängig ist und zu Resultaten führen kann, durch zuvor durch nichts bekannt gemacht waren. Modern sollte für uns also soviel wie dynamisch und nicht etwa kürzliche Zeiten bedeuten.  Das steht in klarem Gegensatz zu statischen Verhaltensweisen, die möglichst die Dinge in ihrem bisherigen Zustand behalten und nur für stabile Zustände sorgen wollen.

Gebäude halten einem Erdbeben besser stand, wenn sie nicht statisch starr gebaut sind, sondern in dynamischer Form nachgeben können,- eine Weisheit, die jeder Grashalm bereits kennt. Wir müssen sie auch lernen und vor allem zur Weiterentwicklung unserer gewiss nicht perfekten Demokratie einsetzen. Wenn die Parlamente nicht wirklich die aktuelle Bevölkerung in ihrer tatsächlichen Zusammensetzung repräsentieren, wird dauernd versucht werden, diese in ihrer Autorität zum Beispiel durch Volksentscheide oder gar durch Umsturz infrage zu stellen. So ist Verbesserungen der Demokratie eine hohe Bedeutung zu geben,


Entscheiden oder wählen

Im Privatleben handelt es sich bei anstehenden Problemen häufig um jeweils zwei opponierende Gruppen, um Frauen und Männer, um Jung und Alt, um Ausländer und Einheimische,- und zwar gleichermaßen in Arbeitsverhältnissen, familiären Auseinandersetzungen oder auch in Beziehungsproblemen von sich mehr oder weniger Liebenden, wo oft überhaupt nur zwei Personen beteiligt sind.
Im öffentlichen Leben werden ähnlich jeweils häufig nur zwei Alternativen angeboten, zum Beispiel Demokraten und Republikaner, oder vorzugsweise nur SPD und CDU,  oder Arbeitnehmer und Arbeitgeber,- weitgehend unabhängig davon, wo das jeweils der Fall ist und um was es geht. Demokratische Wahlen sollen dann die Lösung bringen. Sowohl die amerikanischen Präsidentschaftswahlen als auch die Abstimmung zum Brexit haben ganz knappe, nicht einmal völlig sichere Mehrheiten ergeben, so dass in besonders kritischen Fällen einzelne Stimmen über das Schicksal von vielen, vielen Menschen entscheiden könnten. Diese paar entscheidenden Stimmen stammen vielleicht von wenig informierten oder zu kritischer Stellungnahme nur sehr beschränkt fähigen Menschen, welche sogar möglicherweise unter Fremdeinfluss zu Wahllokalen gebracht werden, zum Beispiel aus Altersgründen oder wegen einer Krankheit.
Eine solche Situation sollte wohl vermieden werden, wird es aber nicht. Hat das praktische Gründe oder liegt ein Fehler in der Konzeption vor? Wenn wir diese Frage so stellen, legen wir erneut zwei Möglichkeiten zu einer Entscheidung vor, die ebenso mit einem Patt enden kann.
Das Verfahren zur Entscheidung hat also prinzipielle, scheinbar unlösbare Mängel und müsste durch ein völlig anderes ersetzt werden. Auf ein Verfahren sind wir angewiesen. Also steckt das Problem in der Entscheidung. Es geht um eine nicht eingeschränkte Auswahl. Aus wie viel Möglichkeiten wir auswählen können, wird bei Entscheidungen oft und vielleicht sogar gern vergessen. Wenn wir aber mehr als zwei Möglichkeiten haben, handelt es sich nicht mehr m eine Entscheidung, sondern um eine Wahl. So verstanden sollten wir Entscheidung und Wahl klar unterscheiden als zwei Begriffe, die offensichtlich auch dualen Charakter haben und eine Dimension aufspannen.
Entscheidung ist zumindest tendenziell ein logischer Begriff und entspringt einer Frage nach Ja oder Nein, etwa nach gut oder übel, nach richtig oder falsch, nach echt oder fake. Die beiden Möglichkeiten, auf welche reduziert wird, heißen positiv oder negativ, was auf alt-hergebrachte Mathematik und damit auf die ihr nahestehende Logik hinweist.
Wählen ist dagegen eher ein komplexer Begriff und lässt viele Wahlmöglichkeiten zu. Sind dies vielleicht oft zu viele oder nicht klar fassbare Möglichkeiten, so dass ein darauf basierendes Verfahren nicht “funktionieren” kann?
Funktionieren hat mit Funktionen zu tun, und Funktionen sind ein Kind der klassischen, eben eng mit Logik verbundenen Mathematik. Sie setzen ein abgeschlossenes System voraus. Doch umso weitere Bereiche der Welt dabei erfasst werden, desto weniger können wir von einem abgeschlossenen System reden.  Desto weniger gilt also auch Logik und umso mehr müssen Entscheidungen durch “echte”, also mehrere Möglichkeiten eröffnende Wahlen ersetzt werden. Wahlen kann also ein höheres Niveau beigemessen werden als Entscheidungen.
An diesem Punkt lohnt ein Blick auf die Natur. Kennt sie dieses Problem, und falls ja, wie löst sie es? Die Antwort liegt in vielen Formen von Gruppenverhalten, seien es Herden oder Vogelschwärme oder was auch immer. Diese Gruppen entscheiden zwar eine anfängliche Zugrichtung zu einem zunächst wahrgenommenen Zeitpunkt, doch dann erfolgen laufend kleine Korrekturen durch Bezugnahme im Nachbarbereich. Die einzelnen Tiere einer Herde richten sich nach ihren Nachbarn, folgen den Erfolgreichen und vermeiden Gefahren. So bildet sich laufend ein leicht verändertes Verhalten der Gesamtheit heraus.
Jedoch ist die Natur nicht frei von Katastrophen, und auch mit diesen müssen die Tiere klar kommen. Dann ist nicht die Bezugnahme auf die Nachbarn die höchste Priorität, sondern Schnelligkeit in jeder Hinsicht. Das bedeutet, dass nicht viele Möglichkeiten berücksichtigt werden können, sondern ihre Zahl reduziert sich, und es kommt de facto zu einfachen Entweder-Oder-Entscheidungen zwischen nur zwei Angeboten. Das ist nützlich in Ausnahmesituationen, muss dann aber wieder weiteren Auswahlmöglichkeiten weichen, welche im Grunde eine höhere Entwicklungsstufe darstellen.
In der Praxis bedeutet dies im öffentlichen Leben eine zunehmende Zahl von kleinen politischen Parteien oder Organisationen, im privaten Leben dagegen eine größere Zahl von Partnern. Beides wird von den anfänglichen opponierenden Paaren nicht gern akzeptiert oder sogar bekämpft, doch auch hier wird aller Wahrscheinlichkeit nach das allgemeine gruppendynamische Naturprinzip siegen, bis wieder eine neue Katastrophe eintritt, welche eine Reduktion der Wahlmöglichkeiten zugunsten von größerer Schnelligkeit erfordert.
Heute wissen wir, dass auf diese Art aus den mächtigen Dinosauriern die schnellen Vögel entstanden sind, und aus den schnellen Affen die mächtigeren Menschen.


Cognition und Processing

Wahrnehmung und beurteilende Verarbeitung sind sehr wichtig, wenn wir den besten Mittleren Weg suchen. Beide werden oft nur als rationale Verfahren betrachtet (Input und Output des Gehirns). Damit meinen wir Sehen, Hören und Riechen als Haupt-Input-Fähigkeiten, die alle vom Kopfcomputer vermittelt werden. Auch in Bezug auf den Output spielt die im Kopf erzeugte Sprache zwar eine wichtige Rolle, jedoch weitgehend nur für den Menschen. Manch anderer Input und der meiste Output befinden sich wie auch bei Tieren in anderen Körperteilen.  
Bei manchen Arten von Wahrnehmung und Verarbeitung merken wir durchaus, dass sich beide auch auf andere Körperteile beziehen und deutlich weniger rational als allgemein angenommen sind. Unser Oberkörper hat eine ganz andere Art von Input, die Gefühl oder Sympathie genannt wird, und Herz und Lunge sind sicherlich verarbeitende Organe, die nicht nur direkt vom Gehirn gesteuert werden.
Das gleiche gilt eine Etage tiefer im Bauch, dem Sitz von Sex und Machtgefühl. Dies sollte unser Verständnis erhöhen für die oft vergessene oder vernachlässigte oder unterdrückte Tatsache, dass Sex ein wichtiger Input-Kanal im Leben ist, weit über die bloße Aufgabe der Fortpflanzung hinaus, und der jeweilige Output besteht auch nicht nur aus Kindern und einfacher Manifestation von Dominanz, sondern beinhaltet wichtige andere Ausdrucksformen durch Glücksgefühle oder verschiedene Arten von Körpersprache, und kann in anderer Weise zu neuen Einsichten führen.
Schließlich gibt es auch Wahrnehmung mit den Händen und Füßen mit gleichermaßen wichtigen Formen von Berührung, Gefühlen und sensorischem Input, der sogar Lust oder Schmerz einschließen kann. Der Output der Extremitäten besteht erstens in Bewegungsmotorik und zweitens in nützlichen Aktivitäten.
Zusammenfassend beziehen sich Kognition und Verarbeitung auf alle unsere Körperteile und können heute auch auf allen Ebenen durch Instrumente, Maschinen und auch Surrogate ergänzt werden. Diese Erweiterungen der Aktivitäten unseres Kopfes  sind in unserer Zeit so selbstverständlich, dass wir kaum noch audiovisuelle Ausrüstung oder Computer erwähnen müssen.
Wesentlich sind jedoch die Hauptanforderungen an alle diese Erweiterungen, seien es natürliche oder künstliche, nach denen sie sowohl bei der Konkurrenz ums Überleben in der Natur oder bei der Auswahl eines Apparates zur Verwendung in unserem Leben beurteilt werden. Sie müssen schnell und robust sein.
Dies gilt auch für die Beurteilung des besten Mittleren Weges für uns oder für eine Gruppe von Personen. Kognition und Verarbeitung müssen auf allen Ebenen schnell und robust sein. Es sind nicht nur rationale Qualitäten, sondern jeder Input-und Output-Kanal ist im Leben beteiligt. Das erfordert Training und Fitness in jeder Hinsicht und ist entscheidend für Erfolg oder Misserfolg. Aber es gibt kein allgemeines vorgegebenes Verfahren außer lernen hauptsächlich in kleinen Schritten durch Versuche und Fehler (error and trial), die aber dann genetisch durch Rekombination, Mutation und Selektion, also durch biologische Prinzipien im genetischen Code weitergegeben werden können.


Krankheit oder sinnvolle Abweichung von einem modernen Mittleren Weg

Ob jemand auf demjenigen Weg spaziert, den seine Mitmenschen sich als gut angepasst, vielleicht aber besser als einen adäquaten Mittleren Weg vorstellen, lässt sich im Allgemeinen nur schwer beurteilen. Es fehlen die zahllosen Detailinformationen, die einzelnen notwendigen Kurskorrekturen auf besagtem Weg zugrunde liegen.  
Was manche Leute in scheinbar unverständlicher Art machen und was vielleicht auch einem Leser dieser Zeilen so vorkommen mag, könnte gerade in unverständlichen Fällen wie das sich laufend wiederholende Verhalten eines Wiederkäuers erscheinen.
Der besagte moderne Mittlere Weg lässt sich aber nur finden, wenn man laufend kleine Abweichungen nach jeweils gegenüberliegenden Seiten macht und aus ihnen zu lernen versucht. Der englische Ausdruck error and trial hat sich auch bei uns dafür festgesetzt. Wichtig ist in modernem Verständnis dabei, dass es sich nicht nur um eindimensionale Abweichungen handelt, also zum Beispiel zwischen links und rechts oder zwischen gut und schlecht, sondern nach eigener nicht ganz unbegründeter Vermutung weitgehend um jeweils ein vierdimensionales System, ganz egal, ob es sich um Natur oder Kultur oder vor allem unser eigenes Leben handelt. Es handelt sich mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit also nicht nur eine einseitige Tätigkeit vor allem des Kopfes, sondern hat ebenso mit anderen Körperteilen bzw. den Eigenschaften zu tun, welche andere Menschen oder auch wir selbst ihnen zuordnen können, also mit den Gefühlen im Oberleib, mit sexueller Power im Unterleib und mit den Aktivitäten der  Extremitäten.
Wenn diese Abweichungen zu groß werden, kommt irgendwann bei der Beurteilung ein Punkt, dass diese als Krankheit bezeichnet werden. Wann genau das aber der Fall ist, hängt sehr von der beurteilenden Person und deren eigener Einordnung ab. Es geht das Gerücht, dass die Mediziner die Fachleute dafür seien. Sie tun das angeblich gern, nicht zuletzt vielleicht auch deswegen, weil das ihnen Respekt, Status und „natürlich“ auch Geld verschafft. Die Beziehung zwischen Arzt und Patient ist dabei aber vielleicht nicht so einseitig und eindeutig, wie es beide sich auf jeweils sehr unterschiedliche Art und „natürlich“ auch in sehr verschiedenem Maß vorstellen.
Dieses Thema kann nun so angepackt werden, dass entweder auf den Arzt oder den Patienten eingegangen wird, oder dass die Wechselwirkung zwischen ihnen im Brennpunkt steht.
Wenn wir vom Arzt und dem Patienten reden, beinhaltet das oft bereits eine hierarchische Vorstellung. Es wird von vorne-herein anerkannt, dass der Arzt über dem Patienten steht und dass ihm vielleicht sogar über die fachliche Erfahrung hinaus höhere Kenntnis oder bessere Fähigkeiten zugebilligt werden. Den Ärzten gefällt das wohl meist, oder sie sehen das sogar aus nicht immer transparenten Gründen für notwendig an. Das muss aber eventuell  gar nicht so selbstverständlich sein, wie oft angenommen wird.
In auf dieser Webseite genannten Ebooks wurde in anderem, aber nicht völlig beziehungslosem Kontext auf den nicht selten unerwartet engen Zusammenhang zwischen öffentlichem und privatem Leben hingewiesen. Auf das öffentliche Leben kann nur Einfluss nehmen, wer sich in der Hierarchie hoch arbeitet, also in einem gewissen Sinn mitspielt. Das mag bereits verformen. So hat sich die Tendenz verstärkt, im privaten Bereich anzufangen, was im Klartext heißt „bei sich selbst“.
Diese Problematik hat sehr mit dem zu tun, was auch bei uns wieder mit einem englischen Ausdruck in die Schlagzeilen gekommen ist, nämlich whistle-blowing. Der öffentliche Bereich sträubt sich energisch gegen zu viel Streuung von Information, weil Information Macht bedeutet und die Sicherheit angeblich gefährdet werden kann. Dieses Argument ist insbesondere in den beiderseitig hoch intelligenten Diskussionsbeiträgen von Barack Obama und Edward Snowden zugespitzt worden. Man kann den Eindruck bekommen, dass deren Auseinandersetzung im Grunde ebenfalls auf die Suche nach einem Mittleren Weg hinausläuft, wobei sehr zur Frage steht, um was es eigentlich geht,- gewiss nicht nur um möglichen Nutzen oder Schaden.
Als Autor dieses Textes sei mir an dieser Stelle erlaubt, kurz von mir selbst zu reden. Mein eigener Weg weicht ganz offensichtlich ziemlich von den üblichen gesellschaftlichen Vorstellungen ab. So bin ich bisweilen mit durchaus nicht erfreulichen Reaktionen konfrontiert, die von stiller Ablehnung bis zu harscher Kritik reichen. Letzteres kann sich auf ein weites Feld erstrecken, was aber damit zusammenhängen mag, dass ich bewusst Spezialistentum vermieden und dafür eine weit gespannte Sicht angestrebt habe. Das wird symbolisiert durch einen herumfliegenden Raben mit gutem „cognition and processing“, aber nicht nur auf rationale Art.
Es dürfte ohne Zweifel zutreffen, obwohl ich vielleicht wohlweislich mit keinem Arzt darüber gesprochen habe, dass bei mir ADHS (bzw. englisch ADHD) vorliegt. Das bedeutet ein Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (engl. disorder)  und wird von den Ärzten selbstverständlich als eine Krankheit angesehen, während ich selber zumindest damit etwas zurückhaltender bin, und zwar nicht nur, um mich zu rechtfertigen oder in ein gutes Licht rücken zu wollen. Es mag arrogant und zunächst unangenehm klingen, aber ich möchte eben die Aufmerksamkeit vor allem auf andere ihnen vielleicht nicht deutliche, aber mir aufgrund von vielfältigen Lebenserfahrungen durchaus wichtig erscheinende Dinge richten.
Die Suche nach einem Mittleren Weg hat sehr mit der persönlichen Einordnung zu tun. Daraus ergibt sich dann die gesellschaftliche Einordnung, wofür im asiatischen Denken oder Empfinden gern das Bild von Wassertropfen benutzt wird, die durch Zusammenwirken ihrer eigenen Orientierung zu den jeweiligen benachbarten Tropfen die Orientierung eines gesamten Flusses ergeben. Für einen Arzt dürfte nun die entscheidende Frage sein, ab welcher Stärke eine Abweichung als Krankheit bezeichnet wird. Der Arzt dient aber ebenfalls nicht nur dem Individuum, sondern auch der Gesellschaft. Dadurch, dass jemand für krank erklärt wird, gibt er eine Rechtfertigung zum Eingreifen nicht unbedingt nur im Sinne des Patienten, sondern auch zum angeblichen Wohl der Gesellschaft und unter der Berücksichtigung von längst nicht immer eindeutigen modernen Gesetzen. An diesem Punkt kommt erneut unklare Beurteilung ins Spiel. Ist der Mittlere Weg aber auch nur ein unklares Spiel? Er riecht nach Statistik und zwar nach Art der Brown‘scher Molekularbewegung, unter welcher der zugrunde liegende Prozess besagter Bewegung zunächst von Molekülen einer bestimmten Temperatur und dann aber auch von Wassertropfen in einem Fluss verstanden wird.
Diese statistische Bewegung kann so stark sein, dass Teilchen aus dem System hinaus katapultiert werden, was zum Beispiel verdampfen genannt wird und die Basis des sicher sinnvollen Regens ist. Dieser Vorgang bedeutet je nach Beschreibungsart eventuell eine Singularität, also ein Verlassen des kontinuierlichen und möglicherweise als „normal“ angesehenen Weges.
Jetzt sollten wir den Arzt nicht aus dem Blickfeld verlieren, der in seinem Bereich für einen derartigen Fall die Bezeichnung „krank“ verwenden wird.  Ob er daran denken wird, dass Regen eine sehr nützliche Sache sein kann?
Doch nun wieder eine Überblende zum heutigen öffentlichen Leben! In manchen Teilen der Welt herrscht immer größere Trockenheit und in anderen Teilen leiden die Menschen unter schrecklichen Überschwemmungen. Ist erst dies der richtige Moment, um von Krankheit zu sprechen, oder muss das auch selbst hier nicht unbedingt der Fall sein?
Der Natur kommt also eine wichtige Rolle in besagtem Spiel zu. Die Evolution lehrt uns durch Rekursion, dass auf solche Art eben Evolution, also sie selbst vor sich geht. Diese Art der Natur ist absolut nicht zimperlich, oft sogar grausam. Sowohl Mutationen als auch Umweltkatastrophen sind die Akteure, welche besonders entscheidende neue Entwicklungen hervorrufen. Man mag darüber urteilen, wie man will, doch schlussendlich müssen wir das akzeptieren.
Wieder zurück zum Arzt und dem Dilemma, was denn nun Krankheit sei! Ganz wesentlich ist also ein gesellschaftliches Interesse, welches er vertritt bzw. vertreten soll oder muss. Doch im Grunde wirkt er damit zumindest ab einem gewissen Punkt durch seine eingreifende Behandlung dem Lauf der Natur und damit der Entwicklung zuwider, welche auf der Selektion von sinnvollen Abweichungen beruht. So dürfte also der eigenen Entscheidung, gegenüber den Krankheitsbefunden eines Arztes skeptisch zu sein, nicht ganz die Begründung fehlen. Diese wiederum muss, wie eingangs hervorgehoben wurde, nicht nur rational sein, sondern kann von vielen anderen Faktoren abhängen,- von Gefühlen, von Sex, von eigenen Aktivitäten und vielleicht noch mehr.
Die persönliche Frage, was mit eigener ADHS zu tun sei, versuche ich also auf dem Mittleren Weg zu entscheiden. Dabei respektiere ich durchaus die Meinung sowohl eines Arztes als auch von Mitmenschen, aber wohl beachtend, dass ihnen vielleicht sogar häufig nur unvollständige Information und somit begrenzte Urteilsfähigkeit zugrunde liegt. Das bedeutet nicht im geringsten eine Geringschätzung, genauso wenig wie es die dadurch entstehende oder gestiegene Skepsis gegenüber Ärzten tut, welche wie gesagt mit Respekt, Status und Geld zusammen hängen mag. Jeder trägt im Grunde seine eigene Haut zum Markt, was auch in besagten Ebooks beschrieben wurde, aber häufig für irrelevant angesehen wurde. Jedenfalls sollte man in gewissen Situationen mit gutem Gewissen auf einen Arzt verzichten dürfen, ohne gleich in seinen Fähigkeiten angezweifelt zu werden.
Eine solche angebliche Krankheit wie dieses Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom könnte also auch eine eventuell zwar nicht einfache, aber auch anderen Menschen nutzbringende Möglichkeit sein, die zu etwas völlig unerwartet Neuem führen kann, womit ein Lernprozess eingeleitet werden kann. Das gilt im Prinzip für alle, die dafür offen sind, zunächst für den Betroffenen selbst und aber auch für Ärzte und ebenso für viele Mitmenschen. Die Leser von ARS-UNA.net sind damit ebenso gemeint.


Vier Tabus

Eine Gesellschaft ist weitgehend oder gar ausschließlich durch ein oder mehrere Tabus definiert, welche sich im Laufe der menschlichen Evolution stark änderten. Es zeigt sich zunehmend, dass einseitige Tabus generell sehr unerfreuliche Konsequenzen haben. Ein ausgewogenes Nebeneinander von partiellen Tabus würde der Idee eines flexiblen (dynamischen) modernen Mittleren Weges entsprechen und könnte großen Nutzen bringen.

Schon zwischen Tieren einer Gruppe oder Herde existiert als wichtigstes und vorherrschendes Verbot das Tabu, nicht anderen Mitgliedern derselben Gruppe zu schaden. Als später in der menschlichen Ära Territorien unter einem Führer Gestalt annahmen, wurde letzteres wenigstens teilweise ersetzt durch das Tabu, nicht Sex zu zeigen. Durch das Anziehen von Kleidern wollten sie nicht nur warm bleiben, sondern sich auch von den Tieren unterscheiden. Nebenbei wurde aber, da im Gegenzug das erstere Tabu an Bedeutung abnahm, Gewalt gegen andere Menschen zumindest unter bestimmten Bedingungen erlaubt.

Das bedeutete den Beginn von Kriegen, die auch zwischen den oft sehr aggressiven Schimpansen auf einer Seite des zentralen Flusses des Kongo bereits stattfinden, aber nicht zwischen den eher friedlichen Bonobos auf der anderen Seite. Letzteree sind fast identisch mit den Schimpansen, aber leiden nicht so sehr unter knappen Ressourcen als Auslöser für den Kampf um Lebensraum.

Wir müssen wohl akzeptieren, dass die sogenannte menschliche Ära mit dem Aufkommen des Sex-Tabus begann. Die Menschheit ist also nicht unbedingt unter einem ausschließlich glorreichen Aspekt zu sehen. Das Sex-Tabu ermöglichte es den Führern, sich auf Macht und sogar Gewalt zu stützen und gleichzeitig andere von dieser Möglichkeit auszuschließen, was eine Voraussetzung für die Bildung von kohärenten Territorien und schließlich Nationalstaaten wurde. Dies war auch der Kern des Eunuchen-Systems am chinesischen Kaiserhof, was zum Zusammenhalt des größten von allen Territorien beitrug.

Das folgende zentrale Tabu, das wohl noch mehr an Bedeutung gewann, war nicht die Gruppe zu verlassen und nicht in kriegsähnlichen Situationen aufzugeben, die oft die Möglichkeit bargen, getötet zu werden als Soldat, der nicht desertieren durfte. Dieses Tabu garantierte den Zusammenhalt der Gruppe im Territorium und beschränkte die Möglichkeit, sich von der Gruppe allein oder wie ein Nomade zu entfernen. Daraus könnte sich neben anderem auch einen Sinn für die riesige chinesische Terrakotta-Armee ergeben.

Außerhalb des eigentlichen Territoriums der Bevölkerung zu leben, wurde in der römischen Zeit möglich. Der Wert dieser "Nomaden", die das Tabu brachen, sich nicht frei bewegen zu dürfen, wurde zuerst für den Handel als vernünftig erkannt, als zum Beispiel Karawanen aufkamen, und später geschah es auch zu Beobachtungszwecken. Die Hauptbevölkerung und jene Nomaden (man muss dabei nicht unbedingt an Leben in der Wüste denken) wurden als Gesamtheit betrachtet, was sicherlich die Entstehung der Idee einer sogenannten Zivilisation zunächst als ein neues Bewusstsein mit sich brachte.

Die ersten Personen dieser neuen Art von Nomaden in der Übergangszeit zur Moderne waren erst erheblich später, nach einer ziemlich langen Zeit voller Chaos, Leute wie Marco Polo und Kolumbus. Aufklärung führte zu einem zunehmenden, aber heftig bekämpften Tabu auf fundamentalistische Glaubensvorstellungen zugunsten der Rationalität und brachte grimmige Kriege zwischen Reformisten und Traditionalisten mit sich, nur auf den ersten Blick auf einer rein religiösen Ebene. Nach dem neuen Chaos des Dreißigjährigen Krieges bedeutete die Ära der Aufklärung einen weitgehenden Sieg der Rationalität. Dies legte die Basis für die aufstrebenden Naturwissenschaften und die Technik, führte aber auch zu tiefen sozialen Konflikten. Die folgende Romantik, welche die Abwendung von Vorbildern und dafür Gefühle stark favorisierte, führte zu einem wenigstens partiellen Tabu auf die Rationalität. Die erneute Rückschlag brachte die Unterdrückung von jeglicher Form von mitfühlender Sinnlichkeit mit erneutem Chaos unter dem Faschismus. Wer keine Form von Sinnlichkeit zeigte, vermochte Menschen anderer Gruppen auch unter sehr grausamen Umständen zu töten, was zur Rechtfertigung von Rassismus oder zumindest Feindseligkeit gegen Ausländer führte. Diese Tendenzen wurden exzessiv während des Zweiten Weltkriegs und in von den USA geführten Kriegen wie in Vietnam.

Die Nachkriegsgesellschaften wurden zunehmend mit dem Wunsch konfrontiert, gewalttätiges Verhalten zu bekämpfen, was von der Bedrohung durch Atomwaffen unterstrichen wurde. Am Anfang hat dies wieder in etwa gleichermaßen Empathie und rationales Denken begünstigt. Diese beiden Tendenzen gerieten jedoch untereinander in Konflikt. Die als Humanität verstandene Gefühlsmäßigkeit war Angelegenheit der Geisteswissenschaften, die noch mit dem nicht wirklich aufgelösten Konflikt zwischen Kommunismus und Kapitalismus haderten. Bevorzugte Rationalität veranlasste ein wachsendes Tabu auf Nicht-Rationalität mit hoher Wertschätzung von Naturwissenschaften und Technik vor allem durch stark zunehmende Kommunikation und Waffentechnik. Diese beiden Domänen begannen nun zunehmend miteinander zu konkurrieren, einerseits um Nuklearwaffen und durch Ausübung von Spionage, und andererseits mit dem Wunsch nach Abrüstung und nach Transparenz statt Geheimhaltung

Das Aufkommen von neuen Tabus brachte in der Regel mit sich, frühere Tabus mindestens weniger bewusst werden zu lassen. Zusammenfassend handelt es sich darum, nicht offen Sex zu zeigen, nicht die Gruppe zu verlassen, nicht fixierte Glaubensvorstellungen zu akzeptieren, und keine Gewalt zuzulassen. Deutlich bestand und besteht eine heftige Auseinandersetzung zwischen diesen verschiedenen Tabus.

In früheren Schriften (siehe: ARS-UNA.net/ebooks) wurde die Möglichkeit genannt, vier verschiedene Tabus den vier verschiedenen Hauptteilen des Körpers zuzuordnen, die während der Evolution nacheinander entstanden. Der älteste Teil ist der Unterleib, dem das sexuelle Tabu zugeordnet werden kann. Als nächster Schritt in der Evolution folgte die Bildung von Extremitäten, die eine aktive Bewegung erlaubten, auf die das Tabu bezogen ist, die Gruppe zu verlassen. Der dritte Schritt war die Bildung eines klar getrennten Kopfes, der zu einer Stärkung des Tabus der Nicht-Rationalität führte. Schließlich kam ein ebenfalls klar getrennter Oberkörper zustande, der mit Herz und Lunge als der Sitz der Gefühle betrachtet werden kann und ein Tabu keine Empathie zu zeigen mit sich bringt.

Offensichtlich können diese Zuordnungen nicht streng bewiesen werden, und daher könnte ein gewisser Grad an autoritärer Willkür darin gesehen werden. Aber die Korrelation scheint so stark zu sein, dass es sehr wahrscheinlich ist, damit ein nützliches Bild zu haben, dem nicht etwa eine Basis fehlen muss.

Es sollte betont werden, dass sich nicht zufällig genau vier Tabus entwickelten, was widerspiegelt, dass die vorherrschenden Methoden der Beschreibung in den Naturwissenschaften vier Dimensionen verwenden und dass ähnlich auch eine Reduzierung der Anzahl zu verwendender Kategorien in den Geisteswissenschaften auf vier ebenfalls möglich erscheint. So könnte man im allgemeineren Sinne eine vierdimensionale Welt annehmen, die bei der Evolution der menschlichen Art vier Tabus mit sich brachte. Diese führten nacheinander zu vier Arten von "Monoismen", wobei jeder von diesen ein bestimmtes Tabu zur Folge hatte. Das sexuelle Tabu führte zur Monogamie; das Tabu, die Gruppe nicht verlassen zu dürfen, brachte den Monotheismus; die Aufklärung bewirkte mit einem Tabu auf fundamentalistischen Glauben eine möglichst ausschließliche Rationalität; und die Romantik förderte mit einem Tabu auf Gewalt möglichst vollständige Gefühlsmäßigkeit.

Die praktische Konsequenz dieser Überlegungen könnte eine stärkere Skepsis gegenüber einseitiger oder übertriebener Begünstigung einzelner Tabus sein, zum Beispiel jetzt wieder von Nicht-Rationalität als Art von Gegenreform gegen das exklusive Tabu auf Gewalt nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Ziel, mehr Militär und schwere Waffen zu rechtfertigen. Der vorgeschlagene moderne Mittlere Weg könnte in Zukunft sich wiederholende übertriebene Zulassung von einseitigen Tabus eindämmen, was nur als Mittel für Vorherrschaft dient.

Rational kann diese Art von Betrachtung natürlich als falsch oder nicht gerechtfertigt bezeichnet werden. Aber dieses Argument könnte nicht zutreffend sein, da gerade auch die unbegrenzte Gültigkeit der Rationalität bezweifelt werden mag. Alle Argumente, die die Verwendung eines bestimmten oder eines anderen Tabus begünstigen, um den Zusammenhalt einer Gesellschaft zu rechtfertigen, sollten ausgewogen gegenüber anderen Gesichtspunkten sein, die entweder innerhalb der gleichen oder in benachbarten Gesellschaften zu betrachten sind. Dies bedeutet keinesfalls, beliebige Willkür oder esoterisches Verhalten oder Feindseligkeit gegen Wissenschaften zu favorisieren.

Ein Gleichgewicht zwischen den zur Definition eine Gesellschaft nötigen Tabus könnte ein wünschenswertes Ziel für die Zukunft sein. Polyamory scheint in der Lage zu sein, die Monogamie teilweise zu ersetzen. Die Förderung einer eher einfachen Religiosität, ohne sich auf einen bestimmten Gott zu beziehen, kann helfen, Kämpfe zwischen Konfessionen und institutionalisierten Religionen zu vermeiden. Zulassen von Nicht-Rationalität kann das weite Gebiet der Künste fördern. Für die Bekämpfung von Gewalt sollte möglichst eine bessere Polizei statt mehr Militär vorgezogen werden.


Wie eine Liebeserklärung machen?

Wer glaubt an eine solche Beteuerung in Worten? Sie wird häufiger gebrochen als gehalten. Die Jugend nennt das zu viel “texten”, und sie hat recht. Was tun?
Ein Rabe empfiehlt natürlich ein natürliches Vorgehen unter voller Berücksichtigung von animalischen Aspekten. So what?   
Ganz einfach,- nixxx als Tabus brechen! Wenn zwei Lebewesen gemeinsam etwas tun, was sie ausgrenzt, dann kommen sie hinter dieser Grenze in ihr damit selbst geschaffenes Paradies, welches von Anderen “wiederum natürlich” überhaupt nicht als solches erkannt werden kann,weil es für sie unsichtbar ist.
Ist noch eine genauere Gebrauchsanleitung nötig? Angeblich gibt es also vier “Kern-Tabus”, die im Prinzip (sorry für dieses gräßliche Wort!) sich alle einzeln aushebeln lassen sollten. Und wer es besonders gründlich machen will, könnte sogar mehrere auf einmal so behandeln, was aber noch gefährlicher sein mag. Eines allein so auszupunkten ist schon „nicht so ganz ohne“, also Vorsicht!
Das älteste und damit bewährteste Tabu ist angeblich das Sex-Tabu. Na klar,- wenn zwei Leutchen damit gegen zuvor akzeptiete Machtverhältnisse verstoßen, ist das sicher mehr wert, als wenn jemand säuselt: “Ich liebe dich.“
Das nächste Tabu verbietet gemeinsame Aktivitäten, zum Beispiel eine Reise oder eine Aktion außerhalb des gesellschaftlichen Rahmens. Klar, ist auch mehr wert!
Das dritte Tabu ist dasjenige der Rationalität. Die berühmte Redewendung „gemeinsam den Kopf verlieren“ bestätigt gewiss schon die hohe Wirksamkeit auch eines Verstoßes gegen dieses Tabu.
Das vierte Tabu ist noch am wenigsten bekannt und bewusst. Gegen alle Gefühle verstoßen? Und Fitness nicht nur im dafür vorgesehenen Studio betreiben? Geht das nicht zu weit?? Handelt es sich um die Gefühle für andere Partner? Keiner sagt aber, dass diese nun verboten seien, sondern es handelt sich um ihre Ausschließlichkeit. Also ein Plädoyer für Polyamory und wohlgemerkt mit Verantwortlichkeit! Doch bis das von unseren konservativen Mitmenschen geschluckt wird, kann noch eine gaaaanze Weile dauern.
Alles klar? Wünsche glückliches Tabu-Knacken.


Krieg führen – so oder so

Unter Menschen und Tieren in einem Land und zu einer Zeit mit Krieg aufgewachsen zu sein hinterlässt eine lebenslange Prägung. Nicht nur ein Mann ist dem sehr stark im Nahbereich ausgesetzt, sondern auch Frauen im scheinbaren Fernbereich, der aber vielleicht eigentlich nur ein Zwischenbereich mit noch deutlich spürbarer Wechselwirkung ist.

Sorry, dass gleich im ersten Satz unüberhörbar, aber offensichtlich sehr bewusst an solcher Stelle sonst bislang eher unübliche naturwissenschaftliche Ausdrücke verwendet werden. Ist der Gefühlsbereich, um den es hier doch wohl ebenso unüberhörbar geht, nicht eine Domäne der allzeit um Deutung bemühten Geistergewissensgeschaftler? Als einer der gar nicht so häufigen Menschen in dieser mitteleuropäischen Konstellation (siehe ersten Satz!) bedeutete das, als Kind der Kriegs- und Nachkriegszeit in beide Arten von Wissenschaft und auch in manch ein Meer ausgiebig einzutauchen. Den Wechselwirkungen dieser Situation war man zwar abnehmend stark ausgesetzt, hatte aber zunehmend stark mit diesen eine Auiseinandersetzung. So scheint es nicht nur gerechtfertigt, sondern sogar dringend nötig, sich vor dem Ende eines wohl ungewöhnlichen Lebens deutlicher als zuvor hierbei zu Worte zu melden.

An verschiedenen Stellen in bisherigen eigenen Texten kam immer wieder die zunehmende Überzeugung zum Ausdruck, wie sehr das private und das öffentliche Leben zueinander Spiegelbilder sind. Vermieden wurde aber, von untrennbaren Spiegelbildern zu reden, wohl auch um das eigene Privatleben abzuschirmen, und besonders dasjenige des eigenen Nachwuchses. Dieses eigene Schweigen erscheint nach langen Jahren mehr und mehr fragwürdig.

Allgemeiner wird tiefe Trennung spürbarer und nicht mehr zu vertreten zwischen den in unserer kulturellen Entwicklung an erster Stelle marschierenden Geistes- und Naturwissenschaften, sondern global zwischen einerseits eher abendländisch logisch orientierten und andererseits näher den Reichen der Sonne sich stärker ganzheitlich verhaltenden fernöstlichen Menschen. Diese Trennung, an vielen Stellen sogar ein tiefer Riss, scheint quer durch die Bevölkerung zu gehen, gleichermaßen in den Familien wie in den Politiker-Etagen. Da aber weder einfache Menschen noch schräge Vögel in die letzteren ohne weiteres hinein spazieren können, müssen diese unweigerlich beim eigenen Privatleben anfangen, welches ebenso unweigerlich den eigenen Nachwuchs tangieren kann. Vor allem sollte das auf keinen Fall missionarisch oder destruktiv vor sich gehen, sondern aus dem geprüften Bewusstsein und Gefühl, damit so genau wie möglich auf dem mit dem Beiwort “modern” garnierten Mittleren Weg voran zu kommen, dabei aber durchaus kritische Bereiche wie sexuelle Liebe und weltweite Aktivität einbeziehend. Wenn auch versucht wurde, diesen Weg moderner als vor 2500 Jahren zu formulieren, so ist er dennoch keine eigene Erfindung.

Als Schreiberling wird kein Hehl daraus gemacht, nun mehr als Buddhist denn als Christ zu fühlen. Dies geschieht aber mit klarer Distanzierung gegenüber fundamentalistischen Tendenzen, was an anderer Stelle bereits genügend begründet wurde. Insgesamt überwiegt die eigene allgemeine Abneigung gegen fixierte Religionen, weil diese zu sehr nur zur lokalen Identifikation und oft sogar als Ideologie für Kämpfe dienen. Make love not war! Noch ungewohnt lässt sich die Aufforderung hinzufügen, weder Logik noch Ganzheitlichkeit außer Acht zu lassen. Ist nicht auf dem Mittleren Weg zwischen beiden Kunst angesiedelt? Damit wird die Angelegenheit, wie schon mehrfach behauptet, auf bislang kaum bewusste Art vier-dimensional, doch de facto viel, viel verträglicher und für die Zukunft geeignet, auch in den eigenen Familien. Die Poesie dazu findet si9ch unter “Werden und Vergehen” und für Nicht-Teutonen unter “Perish or cherish” auf der Webseite ARS-UNA.net.

Dazu einige persönliche Anmerkungen. Besagter Schreiberling kam auf diese Welt als ein Mischling von vier (!) ziemlich verschiedenen Großeltern, deren Eigenschaften bereits bei den Eltern unübersichtlich vermengt waren. Eine deutsch-französish-schweizerische Alemannin und ein dichtender und denkender Schwabe väterlicherseits und eine hugenottische und fürstliche Teutoburgerin und ein Bahnen-bauender und Bäume-pflanzender Preuße mütterlicherseits haben sich dem Prozess der DNA-Rekombination mit einem gewissen, schwer bestimmbaren, aber durch den damaligen nicht unbedingt geringen Alkohol- und Tabakkonsum vielleicht erhöhten Anteil von Mutation ausgesetzt. Dabei wurden genauso wie das private und öffentliche Leben auch die inneren und äußeren Eigenschaften mehr oder weniger heftig miteinander verrührt. Unfähig, daraus mit wisenschaftlichen Methoden einen Reim zu machen, geschah um 1968 der vergebliche Versuch, sich mit Barrikaden anzufreunden, und etwa ein Sonnenjahr (12 mal 365 Tage) später wurde im Kreise von schön rot-gekleideten, sich kosmo-unpolitisch gebenden Euroasiaten ebenfalls vergeblich versucht zu fragen, wer wir selbst und Andere denn sind. Derweil entstand nur scheinbar problemlos mit nicht nur scheinbar sehr verschiedenen und komplexen Frauen prächtiger Nachwuchs. Dieser machte zunehmend auf seine gewiss nicht schlechte Anwesenheit deutlich aufmerksam. Die daraus entstehenden legalen und absolut nicht leicht zu erweisenden Verpflichtungen wurden zwar brav erfüllt, was aber nur mit allgemeiner Unzufriedenheit wegen Mangels an Masse quittiert wurde. Nicht nur das, sondern auch kräftigere Schüsse folgten. Neuer Krieg?

Jene Auseinandersetzungen wurden zunehmend schärfer, entluden sich aber erst dann mit voller Stärke, als der vermeintliche Rabenvater mit lautem Gekrächze sich offen als Rabenmensch bekannte und davon flog, was zunächst als scharfer Wechsel vom Lande der Logik ins Gefilde der Holistik empfunden wurde. Logik oder Holistik? Waren das nur alternative Fremdworte? Schnell war der Nachwuchs, welcher eben in ersterem Land zurück blieb, vom vorzugsweisen Wert der ach so scharf denkenden Logik überzeugt und merkte gar nicht, wie tief er mit gar nicht logischer und dafür durchaus fundamentalistischer kristlicher Kränkweise durchtränkt war. Der frisch gehäutete Rabe dagegen schwebte völlig staunend und scheinbar schamlos vögelnd ins exotische Bäng-Cock, wo es im Frühjahr 2010 unerwartet schnell sehr heftig bäng-bäng machte. Es? Wer war das? Ach so, nur die ferne Pollitick einer fernen Banana-Banana-Pseudo-Republik!

Der Rabe bebrütete fleißig dieses Ei und krächzte beim Ausschlüpfen gar nicht zu lautstark “Vermengung von privatem und öffentlichen Leben”. Doch wer achtet in Europa schon darauf, was ein Vogel in Asien beim Ausschlüpfen eines neuen Vogels aus dem Ei krrrrächzt?!

Immerhin klang aus tiefen Schweigen deutlich heraus, dass nicht nur mann, sondern vor allem in der folgenden Generation auch mehr als eine frau kapiert hatte, es handele sich um einen neuen Vogel. Als dann durch weiteres Vögeln weitere Vögel folgten, kam ein Punkt, wo sie offen an den Abschuss dieses Raben dachten und dann sich aber wegen mangelnder Reichweite und ungenügender Schlagkraft ihrer Raketen in eine hermetisch verschlossene Volière zurückzogen, in welche sie weder Raben noch auch nur die Erwähnung von Vögeln eindringen ließen. Aus dieser wurden zwar sogar Marathonlauf-artige Ausbrüche gemeldet, aber diese führten vorsichtshalber in den von Wolkenkratzern überwucherten Westen und nicht in den von mafiösem Dschungel durchsetzten Osten.

Inzwischen erklang das Lied von Hubert von Goisern: “Ach wie die Zeit vergeht!” und fünf Enkel kamen mit noch komplizierterer Genetik als zuvor und einigen neuen Mutationen auf diese von Problemen geplagte Welt. Kaum hatte die Älteste von ihnen jedoch die Schule in der Volière verlassen, flog sie auffälligerweise wie früher schon die Mütter gleich auf die andere Seite dieser Erde. Doch vermutlich waren sie alle nicht gegen Tourismus geimpft.

Als Anmerkung sei noch einmal das vom Raben ausgiebig genutzte Verfahren zu derartigen Impfungen erwähnt, welches nicht nur von der jeweiligen Seuche wie in diesem Falle von dem ubiquitären Tourismus abhängt, sondern auch von den jeweiligen Ländern. Es heißt Sprachen-lernen und hat die aus der Antikörper-Technik bekannten Immunisierungszeiten. Das bedeutet erhebliche Entwicklungs- und Erprobungszeiten und ist also durchaus aufwendig. Doch gemessen an Raben- und Computer-Sprachen sind selbst lokale Dialekte wie Katalanisch, Nahuatl, Quechua, Swaheli oder Thai spielend einfach, weil mann sie nachts gut spielend im Bett erlernen kann. Oh wie der weibliche Nachwuchs da aufschäumt! Ob er weiß, wie traurig es war, dass es nach dem schrecklichen Krieg nicht möglich schien, das örtliche Plattdeutsch auf ähnliche Art zu lernen? Auch bei Schweizerdeutsch gelang es erst unter großem Opfer viele Jahre später. Doch das war ein Durchbruch, der allerdings zunächst teuer bezahlt werden musste. Von schwierigeren Sprachfeldern wie Dänisch, Ungarisch, Tschechisch oder besonders Iwrit soll hier nicht geredet werden, denn es geht nicht um stolzes Bekennen, sondern um oft wunderschön weiche und manchmal erschreckend harte eigene Erfahrungen, über welche den Schnabel aufzumachen auch bei Raben immer noch dichte Tabu-Nebel liegen.

Nicht immer folgt das öffentliche Leben der Entwicklung im privaten Bereich. Für den Raben folgte nun umgekehrt nach vorübergehender Beilegung des ost-westlichen Kalten Krieges der west-östliche private Kalte Krieg, der immer noch anhält. Sollte dieser wirklich noch einmal beigelegt werden, so wird gewiss sofort wieder der entsprechende Krieg zwischen solchen Typen wie Putin und Trump aufbranden. Überall sollten mann und frau nicht nur laut “I can” rufend auf Atomwaffen verzichten, sondern leise morgens “Wächter, ich kann” (andere Schreibweise: guard, I can,- nein, Guardian) meditieren und auf sämtliche Waffen verzichten, mit welchen sich Menschen unmensclich Gedärme aus dem Leib reißen, Augen, Knie und Nerven grausig schmerzhaft unwiederbringlich ruinieren und nicht nur Kinder für den Rest ihres Lebens schrecklich traumatisieren. Nochmals und nochmals und nochmals: Make love not war! Auch der über alles friedliebende John Lennon wurde so umgebracht. Nicht nur ein Rabe sollte außerdem denselben Schutz für Tiere reklamieren, welche von vielen üblen Menschen nicht nur übelsten Schlachthöfen ausgeliefert sind. Dass keiner etwas zum Schutz eines solchen Rabens tut, ist scheinbar selbstverständlich. Das private und wiederum auch das öffentliche Empfinden von Menschen hängen allem Anschein nach viel stärker von den ihnen jeweils gesetzten gesellschaftlichen Grenzen ab, als allgemein bewusst ist.

Ein Rabe mag die nahezu völlige Freiheit von solchen Grenzen symbolisieren, wie es auch Küstenbewohner erfahren, die die Weite der Welt am Meer täglich spüren und jederzeit die Möglichkeit sehen, über das tiefe Wasser in ungeahnte und kaum nachverfolgbare Weiten zu entkommen. Sie fühlen sich in dieser Hinsicht lose und weniger gebunden, jedoch im klaren Bewusstsein der damit verbundenen Gefahren.

Der Rabe hat aber auch schon Berggemsen erleb, die ganz anders tagtäglich die kaum überwindbare Begrenzung durch die umliegenden, von ihnen direkt als sehr hoch empfundenen Gebirgszüge verspüren. Letztere schützen sie aber gleichzeitig vor den ihnen meist weitgehend unbekannten Gefahren, die in den Gebieten jenseits der als majestätisch empfundenen Berge drohen mögen. Sie fühlen sich in dieser Hinsicht gefestigt und stark eingebunden, jedoch im klaren Bewusstsein des Schutzes vor möglichen Gefahren.

Der Schreiberling hat diesen tiefliegenden Unterschied zwischen Flachland-Raben und Bergland-Gemsen wiederholt zu spüren bekommen, sei es mit einer weiblichen Gemse am Rande der Rocky Mountains oder am stärksten mit sehr männlichem Bergvolk zwischen den höchsten Gebirgen dieser Welt nicht weit vom Himalaya. Die Bergbewohner tendieren dazu, die Flachland-Menschen durchaus im abwertenden Sinn als loses Volk zu empfinden, während sie selbst umgekehrt eine nicht minder abwertende Einstufung als verfestigtes Volk erfahren.

Dieser Konflikt scheint eine der momentan unüberwindbarsten und möglicherweise tödlichsten Auseinandersetzungen der Welt zu sein. Wenn riskiert werden kann, Länder zu nennen, so seien England und Iran zitiert. Osama bin Laden wurde nicht etwa in Saudi-Arabien radikalisiert, sondern als jugendlicher Schüler in England bei einem Besuch von Shakespears Geburtshaus, wo er nach jetzt veröffentlichten Tagebuch-Aufzeichnungen derartige lose Zustände verspürte. Ähnliches hat dieser Schreiberling auch sowohl im Familien- wie auch im eigenen Freundeskreis wiederholt sehr hart erfahren, nicht nur in Einzelfällen.

Ist an solchen Punkten der Bereich überschritten, wo der Ausgleich suchende moderne Mittlere Weg einen Erfolg bringen kann? Ganz klar zeigt sich, dass nicht etwa die darin enthaltenen sanften Empfehlungen zu schwer zu erfüllen wären, sondern dass das eigentliche Problem hinsichtlich der Akzeptanz in seinem als zu weltanschaulich und asiatisch empfundenen Image liegt. Das dürfte in unserem zunehmend insbesondere im Westen oft einseitig rationalen Verständnis begründet sein, was sowohl eine bedauerliche Einseitigkeit als auch sogar eine wirklich Gefahr bedeuten mag.


Membranen und Grenzen

Der naheliegendste Ausweg könnte das zunehmend über die ganze Erde gelegte sogenannte Zwischennetz sein,.Sein übliches Gesicht, den Computer-Bildschirm, mögen nicht selten selbst oder gerade sehr kultivierte Leute nicht und lassen sich nicht auf echtes Inhalieren ein. Vielleicht meinen sie, dass manche Gegenindikationen das Fragen eines Arztes oder Apothekers erfordern würden, z.B. Viren oder Hacker oder Fake-News.

Das weltweite Flüchtlingsproblem sollte deutlich machen, dass weder die Art der Verpackung noch das Internet eine kritische Gefahr darstellen sind, sondern das Problem liegt in der Durchlässigkeit der Grenzen. Im Bereich der Naturwissenschaften wurden inzwischen in der durchaus Grenzprobleme betreffenden Membranforschung große Fortschritte gemacht, welche nun auch in weiteren Teilen des Lebens nützlich sein könnten. Weitere? Der Rabe möchte nicht wie ein Prediger immer wieder darauf hinweisen, dass humane Wesen aus Kopf, Oberleib, Unterleib und Tentakeln bestehen, welche mit guter Wahrscheinlichkeit die vierdimensionale Welt dieser Möglichkeiten repräsentieren können. So mag es sinnvoll sein, gemeinsam im jeweiligen Bereich dieser Körperteile zu erkunden zwischen cognition und processing (grausame Fremdworte?), zwischen feeling und fitness (affektiertes Englisch?), zwischen vögeln und verfolgen (schmutzige Ausdrücke!), und zwischen ausfliegen und arbeiten (übertriebene Mobilität?).

Doch gleich marschieren die Rationalisten auf und schießen mit dem Argument fehlender Beweise, dann die Ökologen mit Basis- oder realen Granaten, am heftigsten die Ökonomen mit Geburtenraten und Waffenhandel, und schließlich die Emotionalen mit hemmungslosen Reisen und Workcoholismus.

Die Resultate besagter Membranforschung vor allem sollten trotz ihrer scheinbar noch schwierigen Zusammenhänge einfacher als bisher geschehen dargestellt werden, damit trotz Abneigung gegen fixierte Moral sich klare Konsequenzen formulieren lassen.

Lenken wir unseren Blick bezüglich von politischen Grenzen wie in der Biologie auf das Zusammenwirken von Sensoren und Rezeptoren! Sensoren werden hierzulande abfällig Flüchtlinge oder nicht viel besser Migranten genannt. Kaum einer will ihre positiven Qualitäten sehen. Rezeptoren werden dagegen in unseren Breiten Kontrollorgane genannt, auch kein sehr schöner Ausdruck.

Energie ist dabei ein ganz wesentlicher Punkt. An derartigen Membranen oder Grenzen oder Stacheldrahtzäunen oder wie auch immer mann und frau und kinder diese Gegebenheiten nennen, findet ein erheblicher Energieaustausch statt.

Der Biophysiker und Biochemiker Hans Michel klärte in der nicht selten zwiespältig gesehenen Stadt Frankfurt/Main auf, dass jegliche für die Erde absolut grundlegende Photosynthese, also die Umwandlung von Sonnenlicht in oft nahrhafte Pflanzen, an Membranen vor sich geht. Dafür bekam er 1988 den Nobelpreis. Umgekehrt braucht aller Transport durch Membranen und ähnlich über menschliche Grenzen hinweg erhebliche Energie, wozu momentan vor allem die Integration genannte Aufnahme von oft übel misshandelten und meist völlig verzweifelten Menschen aller Art gehört.

Sowohl Membranen als auch Grenzen sind kein Luxus, sondern eine strukturelle Notwendigkeit. Nach Meinung eines nicht selten sie überfliegenden Raben wird an ihnen am weitaus besten mit den zugegebenermaßen noch nicht völlig ausgearbeiteten und erprobten Methoden eines modernen Mittleren Weges verfahren. Letztere sind nicht fixiert und sollen es auch nicht sein, was nicht oft genug wiederholt werden kann. Dafür ermöglichen sie aber sogar viel Freude durch erhöhte Selbstständigkeit und Freiheit. Leidtragende werden nur die Waffenhändler und Mafiosi sein.


Grenzen – selbst erlebt

Sowohl als Einschränkung wie auch als Anreiz zu deren Überschreitung schienen mir Grenzen bereits als kleinem Kind eine Herausforderung zu sein, vielleicht stärker als heutzutage, weil im Alter von drei Jahren der Krieg begann. Manches durfte nicht gesagt werden, manches war nicht erlaubt, meist angeblich, weil es noch zu schwierig sei, das zu verstehen. Was mit den Leuten in bombardierten Nachbarhäusern geschehen war, wurde meinen Gefühlen noch nicht zugemutet. Allein über die Straße zu gehen, sei zu gefährlich und ich hätte dort nichts zu suchen. Was aber die Eltern unter ihrer Bettdecke taten, war auch Tabu, obwoohl es doch nicht gefährlich war.

Über fünfzig Jahre hat es gedauert, bis mir hinter all den Grenzen, die ich auch später noch erlebt habe, gemeinsame Grundzüge bewusst wurden, ein Bewusstsein. Dieses Bewusstsein wurde nur langsam zu einem Wissen und war auch verschieden von einem Wissen, welches einem gleichsam eingetrichtert wurde. Nicht nur auf rationales Verstehen beschränkte es sich, gab sich aber dennoch nicht mit pauschalen Erklärungen zufrieden, die wir heute wohl dem Populismus zuordnen würden. Mehrfach habe ich bereits beschrieben, wie sich verschiedenen Teilen des Bewusstseins auf den ersten Blick fast willkürlich, aber eher doch wohlbegründet verschiedene Formen von Bewusstsein zugeordnen lassen. Diese beschränkten sich absolut nicht nur auf mentale Vorgänge und daraus folgende Entscheidungen, sondern gaben zusätzliche Bedeutung einem gefühlsmäßigen und von der eigenen körperlichen Verfassung abhängigen Bewusstsein, außerdem einem weiteren aus sexuellem Erleben folgenden Bewusstsein vor allem auch für Macht, und schließlich einem sich durch steigende Mobilität entwickelnden Bewusstsein für die verschiedensten Aktivitäten.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs lebten wir, drei Brüder und unsere Mutter, an der erst langsam als solche erlebten Grenze Deutschlands hinter einem Deich an der Ostsee. Ob der Deich selber oder der dahinter liegende Strand oder das Meer die Grenze war, interessierte nicht, aber als ich an einem fast nie so ruhigen Tag in einer dort ganz seltenen Fata Morgana zum ersten Mal Dänemark sah (ca. 40 km), erregte dies starke Gefühle und gab mir unerwartete Kraft. Später vermengten sich die ersten Gefühle für in der Umgebung lebende Mädchen mit unsere Bewegung einschränkenden Eindrücken der Macht der einrückenden und sich übrigens gut benehmenden britischen Besatzungstruppen. Die ersten zwar legalen, aber noch nicht einfach zu realisierenden Grenzübertritte waren schließlich einige Jahre danach möglich. In einem Sportruderboot ging es unter körperlicher Anstrengung mit einem Visum zum ersten Mal nach Dänemark. Es folgte eine 2600 km lange Fahrradtour nach Österreich. Schließlich ergab sich eine sechs Jahre nach dem Krieg immer noch seltene Möglichkeit, ebenfalls mit einem Visum per heftig dampfender und schnaubender Eisenbahn nach Paris zu fahren.

Genau zu dieser Stunde, und das veranlasst mich am heutigen Tag, diese Zeilen zu schreiben, finden dort die Feierlichkeiten statt zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs,- nach dem eindrucksvollen gestrigen Gedenken in Verdun an das sinnlose und unglaublich grausame Gemetzel von vielen Millionen von Soldaten und Zivilisten. Selber habe ich kurz vor Kriegsende gesehen, wie wenige hundert Meter vor mir ein deutscher Flieger abgeschossen wurde. Es hat Jahrzehnte gedauert, mir bewusst werden zu lassen, welche psychischen Folgen dieses Erlebnis und auch der nächtliche Bombenvolltreffer in unserem weniger als 10 Meter entfernten Nachbarhaus hinterlassen haben.

Mitfühlend lässt dies an die auch heute erfolgende Traumatisierung unzähliger Kinder in Kriegsgebieten denken. Das eigene Bewusstsein für Grenzen entwickelt sich dabei nur langsam. Wichtig wurden Auslandserfahrungen in den ersten Studiensemestern. Der Elsass, das Saarland und die Schweiz gaben wesentliche und vielfältige neue Erlebnisse. Die tiefsten Eindrücke hinterließ eine völlig ungewöhnliche, mit Russisch-Lernen verbundene fünfwöchige Camping-Bustour über Warschau, Moskau und die Krim und schließlich Budapest. Scheinbar undurchlässige und doch überschreitbare Grenzen spielten dabei 1962 eine große Rolle. Hunderte von Jugendlichen empfingen uns in der Sowjetunion ohne großen Hass. Eine naive Liebelei mit einer schönen jungen KGB-Agentin und von Wodka bestimmte Anwerbeversuche für Spitzeldienste in Kiew wie auch abschließendes fünfstündiges „Filzen“ an der Grenze brachten weitere sich tief einprägende Eindrücke. Immer wieder wuchs das eigene Bewusstsein, aber selten nur rein mental.

Der Wunsch Grenzen zu überschriten äußerte sich nicht eindeutig. Einerseits schien mir als Sohn eines recht bekannten Astrophysikers auferlegt zu sein, fachliche Grenzen durch besondere Leistungen gleichsam überwinden zu müssen. Aber nur langsam entwickelte sich ein Gefühl für die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit. Es dauerte lange, bis auch meine am Krieg unschuldige Generation begriff, dass als dessen Folge unsere Grenzen nicht nur gebietsmäßig eingeschränkt waren. Andererseits wurde dadurch aber der Wunsch angestachelt, nationale Grenzen zu überschreiten und andere Ländern nicht nur oberflächlich kennenlernen zu wollen, sondern tiefergehend, also nicht nur eher passiv Ausschnitte wahrnehmend, sondern aktiv und umfassend am dortigen Leben teilnehmend, was Sprachkenntnisse erforderte. Mehr und mehr veränderten sich dadurch die eigenen Interessen. Nicht das Erforschen von speziellen Problemen, sondern allgemeineres, nicht stark an Themen gebundenes Verstehen trat in den Vordergrund. Filme machen und Sprachen lernen, privates und öffentliches Leben rückten zunehmend in den Mittelpunkt. Heute würden wir das gegen Tourismus abgrenzen, den es aber damals noch kaum gab.

Der Wunsch nach wissenschaftlich analytischem Verstehen blieb bestehen, wurde jedoch zunächst unbewusst, dann aber auch immer bewusster an zweite Stelle verbannt. Zunächst verlagerte sich das Interesse von der eher mit fernliegenden Dingen befassten Physik zur als lebensnäher verstandenen Biologie. Dem Trend der Zeit, aber auch zur Abstraktion folgend war das die Molekularbiologie, und innerhalb dieser gewiss nicht ganz zufällig die Beschäftigung mit Membranen. Dass dies einfach eine Bezeichnung für biologische Grenzen war, ebenso wie übrigens auch Haut, sickerte wiederum nur langsam ins sich zögerlich erweiternde Bewusstsein ein.

Während die meisten braven Forscher ringsherum vor allem an vielen anerkannten Veröffentlichungen interessiert waren, ging der eigene eventuell zu arrogant als richtig empfundene Weg weg vom Labor wieder über neue Grenzen in die USA und fast unerwartet nach Lateinamerika, und ähnlich Jahre später von extrovertierter Tätigkeit in Amerika zu introvertierter Meditation in Asien. Das waren sicher weitaus stärker von Tabus beladene Grenzüberschreitungen, welche schlussendlich auch die Karriere kosteten, jedoch trotz starker Konflikte nach eigener Einschätzung mehr Gewinn brachten.

Zwei völlig neue Felder mit neuen nicht unbedingt erlaubt erscheinenden Grenzüberschreitungen kamen dabei durchaus nicht unabhängig voneinander ins Blickfeld. Einerseits faszinierte die Auseinandersetzung zwischen westlicher und östlicher Kultur in einem sich zunehmend erweiternden Sinn, erst religiös, dann mehr und mehr philosophisch, und schließlich in selbst erlebten Lebenszusammenhängen von verschiedenster Art. Bereits 1968 erhielt die thematisch insbesondere durch den Zusammenhang mit dem Existenzialismus erfahrene, aber nunmehr viel stärker ausgelebte Sexualität unerwartete Bedeutung, was sich unbesehen vom inzwischen höheren Alter weiter steigerte.

Schließlich wurde die jedem Leben gesetzte zeitliche Grenze schon zu eigenen Lebzeiten sehr stark erfahren durch den relativ frühen Tod der beiden Brüder, die sehr andere Wege gegangen waren, vielleicht zumindest teilweise deswegen, weil sie den Krieg nicht mehr bewusst erlebt hatten. Mehr und mehr stellte sich erweiterndes Bewusstsein selbst als der entscheidende Punkt aller lebenslänglicher Bestrebungen heraus. Für Bewusstsein kann man sich zwar nichts kaufen, doch es ist wahrscheinlich die wichtigste Währung, in welche die bei der Geburt mitgegebene und oft in ihrem Wert unterschätzte primäre Währung Zeit umgetauscht werden kann.

Das Bewusstsein für weitere wichtige Lebensfelder, zum Beispiel soziale Verhältnisse, Gerechtigkeit oder Medizin, ist dabei nicht völlig verdrängt. Wohl aber ist wahr, dass mancher Mensch Schwerpunkte setzt, welche dann nicht unbedingt von anderen Mitmenschen anerkannt werden. Damit stößt dieser sich an Machtverhältnissen, aus denen die Errichtung von Tabus folgt, welche ebenfalls Grenzen darstellen, jedoch künstliche, welche sich zwar aus natürlichen Verhältnissen erklären lassen, aber dennoch von Menschen gemacht sind. Sie dienen wie alle anderen Grenzen der Herstellung von Strukturen und gewinnen umso größere Bedeutung, je dichter eine Population ist,- ein oft vielleicht zu wenig beachteter Umstand.


Sexuelle Gewalt

Waffengewalt und Verstöße gegen gesellschaftliche Regeln

Die Anwendung von Gewalt sollte generell sanktioniert sein, also selbstverständlich auch sexuelle Gewalt. Das betrifft nicht nur die Menschenrechte, sondern im Grunde Naturrecht. Nicht nur innerhalb einer Gesellschaft, also im Rahmen von Verstößen gegen die geschriebenen und auch ungeschriebenen Gesetze derselben, sondern genauso in deren Außenbereich, sprich militärisch, ist Gewalt eine üble Angelegenheit und sollte mit zunehmender Aufklärung so weit wie möglich reduziert werden, ganz besonders, wenn diese den Betroffenen bleibende Schäden zufügt oder sogar deren Tod einschließt. Gewalt ist darüber hinaus auch gegenüber Nomaden und angeblichen Wilden ebenso anzuprangern, und es sollte alles zur entsprechenden Verhütung getan werden.

In dieser Hinsicht haben insbesondere Missionare oft auf grausige Art an Gewalttaten mitgewirkt, welche sehr häufig damit motiviert und sogar gerechtfertigt wurden, dass die Menschen dort kein sexuelles Schamgefühl hätten und noch ähnlich wie Tiere lebten. Dies zeigt einerseits deutlich, dass sexuelle Empfindungen sehr stark von der jeweiligen Gesellschaft und der in ihr üblichen Erziehung bestimmt sind. Andererseits lenkt es den Blick auf die Tiere selbst, deren grausame Behandlung und Tötung ohne viel Umschweife erlaubt bleibt. Wer Schlachthöfe von innen gesehen und Treibjagden erlebt hat, wird als moderner aufgeklärter Mensch davon zutiefst betroffen sein und würde niemals selbst an solchen Dingen teilnehmen. Es wird behauptet, es komme nur auf schmerzloses Vorgehen an. Was mit Tieren in dieser Hinsicht gemacht wird, ist seinerzeit in Konzentrationslagern an Menschen umgesetzt worden. Bei der üblichen starken Differenzierung zwischen Menschen und Tieren, die nach modernen Erkenntnissen immer fragwürdiger wird, sind häufig Religionen der verschiedensten Prägungen beteiligt gewesen, was sich bis heute noch fortsetzt. Daraus kann eigentlich nur ein dringender Aufruf zu erneuter stärkerer Säkularisierng und besserem Tierschutz hergeleitet werden.

Solche Überlegungen machen deutlich, dass bezüglich sogenannter sexueller Gewalt getrennt werden sollte zwischen Gewalt an sich, die insbesondere jegliche (!) Waffengewalt einschließt, und Verstößen gegen die Regeln der jeweiligen Gesellschaft und insbesondere deren Erziehungsformen. Diese rufen nicht selten bespielsweise Reaktionen der Art hervor, dass sich Menschen von Vorkommnissen stark angeekelt vorkommen. Solche Ereignisse können fließend in zunehmende Gewalt einmünden, und hier gilt es abzuwägen bzw. den Gewaltanteil sofort herauszufiltern und vor allem dagegen aktiv vorzugehen.

Gewaltausübung ist oft Teil von Machtausübung. Dies bedeutet, dass zum Beispiel die Ausnützung von Machtpositionen durchaus Gewalt bedeuten kann. Das gilt gleichermaßen für den sexuellen Bereich wie auch in ganz anderen Gebieten, wie etwa Behinderungen von geistiger oder künstlerischer Tätigkeit oder die Beschränkung von Freizügigkeit oder beruflicher Tätigkeit. Viele derartige Vorfälle müssen durchaus als Gewalt eingestuft werden und sind in der Beurteilung ihres Ausmaßes Vorkommnisen im sexuellen Bereich gleichzustellen, entsprechend abwägend zu betrachten und gegebenenfalls zu bestrafen. Gegen sexuelle Gewalt muss also genauso wie gegen jede andere Art von Gewalt vorgegangen werden, nicht mehr und nicht weniger.

Auseinandersetzungen zwischen den Geschlechtern

Machtkämpfe der Geschlechtergruppen werden sprachlich oft als -ismen bezeichnet, wenig ernsthaft zunächst der Infantilismus (erwachsene Kinder einschließend), meist eher der Feminismus, der deutlich ungewohnter klingende Maskulinismus, also nicht unbedingt Machismus, und schließlich LGBT-ismus. Es scheint so, als müssten sie alle von ihrem -ismus-Dasein befreit werden. Hört sich das etwa an wie eine fixierte willkürliche Festlegung? Lasst uns ein paar Gewürze aus dem Mittleren Weg darüber gießen! So wird es leichter verdaulich und man könnte eventuell Gefallen daran finden.

Wenn nicht, dann wollen wir uns für einen Moment den Elementarteilchen oder auch Galaxien zuwenden. Beide unterscheiden sich nicht sehr voneinander, da Galaxien aus Elementarteilchen zusammengesetzt sind. Wir und das Leben und die uns geläufige Natur liegen irgendwo dazwischen. Dies ist kein Credo, sondern szützt sich auf Wahrnehmung und kann daher als Fakt bezeichnet werden, jedoch nicht als fake news.

Bevor wir fortfahren, sei ein kurzes Wort zur eigenen Person erlaubt, denn normalerweise traut man einem Menschen, der sich bisweilen mit einem Raben identifiziert, nicht sehr, sondern urteilt sehr reserviert über die Eigenschaften eines solchen Tieres, das sich bisweilen von Aas ernährt und nicht sehr sozial ist. Aber als nicht mehr ganz junger Europäer mit ziemlich viel Erfahrung sowohl in Nord- und Süd-Amerika als auch in Asien, besonders im Fernen Osten ist die Kindheit wichtig. Damals war Kriegszeit fast ohne Vater und mit oft wechselnden Frauen. Heute bin ich fast dankbar für jene Situation, obwohl ich manchmal dem Tod nahe war. Ein davon herrührendes traumatisches Stress-Syndrom bedarf nicht unbedingt einer psychatrischen Behandlung, sondern kann ein sinnvoller Ünerlebensmechanismus sein, der vermutlich auch den armen gejagten Tieren in unseren Wäldern hilft, damit klar zu jkommen, Jetzt sehe ich die grimmigen Erlebnisse als eine Quelle des dummen Dings, das Einsicht genannt wird.

Eine Folge davon ist auch, dass ich vor gefährlichen Situationen in meinem täglichen Leben nicht viel Angst habe, aber politische Gefahren genau im Auge behalte, die nach moderner Feldtheorie meist nicht einseitig verursacht sein können. Ob das die Russen und die Deutschen verstehen oder die Franzosen und die Briten? Und was ist mit den Chinesen und den Amerikanern?

Als weitere Konsequenz kommt dazu, dass ich Polyamorie bejahe und mich in der Lage fühle, mehr als eine Frau zur Zeit zu lieben und mehr als eine Stadt zur Zeit und mehr als ein Land zur Zeit und mehr als einen Kontinent zur Zeit und sogar verschiedene Arten von Natur gleichzeitig, einschließlich Theorien sowohl über Elementarteilchen als auch Galaxien. Wenn Menschen diese Idee herunter machen möchten, nennen sie es multipolar und empfehlen eine psychatrische Behandlung, die ich aber nicht brauche. Mit diesem Hinweis beende ich den persönlichen Teil und kehre zurück zum ursprünglichen Thema der -ismen des Geschlechterkampfs.

Es mag durchaus angemessen sein, über dieses Phänomen als Rabe zu sprechen. Diese sicherlich nicht dummen Vögel, die vor allem im 19. Jahrhundert lernten, in Raum und Zeit zu denken, erinnern sich sehr gut daran, wie sie entstanden sind. Vor ungefähr 65 Millionen Jahren gab es den schrecklichen Vorfall mit einem gewaltigen Meteor, der das Leben der meisten Dinosaurier sofort beendete. Nur wenige von ihnen hatten wegen geringer Größe und großer Schnelligkeit eine Überlebenschance. Klein zu sein bedeutet aber auch, sehr leicht zu sein. Und schnell bezog sich nicht nur auf die Extremitäten, sondern auch ein schnelles Gehirn, schnelle Gefühle und schnelle Libido (Sex und Durchsetzungsfähigkeit). Nach den notwendigen Mutationen wurden sie Vögel genannt. Diejenigen mit dem schnellsten Gehirn (Wahrnehmung und Verarbeitung), den schnellsten Gefühlen (Herzschlag und Sauerstoffumsatz) und der schnellsten Libido (Sex und Darwinismus) wurden Raben genannt. Sie hatten außerdem ausgezeichnete Flügel und Krallen. Alle anderen Lebewesen äußerten sich abfällig.

Nach diesem Exkurs über Raben wenden wir uns erneut jenen Problemen mit den -ismen zu. Ist noch in Erinnerung, was die Überschrift dieses Textes war und immer noch ist? Ja, - über Geschlechter-Auseinandersetzungen. Wie steht es mit den merkwürdigen mit -ismen bezeichneten Auseinandersetzungen, das jetzt ins Zentrum zu rücken scheinen? Sind diese nicht merkwürdig? Überhaupt nicht, krächzt der Rabe, und als Autor ist die Identifikation mit dem geliebten schwarzen oder manchmal sogar farbigen Gegenstück (Elstern oder Paradiesvögel) durchaus möglich.

Lasst uns eine Bombe auf dems Mittleren Weg zünden, um die eingangs erwähnten Zutaten miteinander zu verschmelzen, also Infantilismus, Feminismus, Maskulinismus und LGBTismus. Können wir wie in einer kriegerischen Handlung so mit ihnen umgehen? Lässt sich ein solches Vorgehen mit einem vermeintlich friedlichen und gut ausbalancierten Mittleren Weg vereinen?

Der hier gemeinte Mittlere Weg, der nicht nur die Rationalität des Hirns, sondern auch die Eigenschaften der Gefühle und der Libido und der Extremitäten einschließt, kann in der Tat als ein wunderbares Mittel angesehen werden, um viele Spuren eines grausamen Krieges zu heilen. Formal könnte das Konfliktlösung genannt werden. Diesen rohen Ausdruck für solch eine subtile Erfindung zu verwenden wäre jedoch vielleicht fehl am Platze. Statt nur rational klingender Konfliktlösung sollte schlicht und einfach ein Mittlerer Weg genannt werden. Wer das überhaupt nicht mag, könnte von einem ausgewogenen Kompromiss reden.

Sofort taucht ein Warnschild auf, das vor Missionaren warnt auf einer Straße, welche wegen Glaubensüberzeugungen rutschig sein soll. Wie reagiert man? Nie von einer Bremse gehört? Ein gutes Antriebsgerät hat sogar zwei, nämlich eine für die Füße und die andere wird durch Änderungen der Flügelstellungen eines meist friedlichen Raben oder von meist gefährlichen Kampfjets betätigt. Man muss einfach beide Bremsen drücken wie beim Stoppen von Geheimdiensten mit zwei Passwörtern.

Wenn man über jene seltsame Mischung aus Infantilismus, Feminismus, Maskulinismus und LGBT als einer kriegsähnlichen Situation spricht, ist die schweigende Mehrheit sich natürlich einig darin, die Vorhänge zu schließen und das Eindringen zu starker externer Kommunikation zu verhindern, zum Beispiel von kreativer Kultur oder von möglicher Sozialarbeit. Nur Fußball und vergleichbare Arten von Spielen bleiben erlaubt. Diese Art von Aktivität könnte zwar zum Training auf schnelle Reaktionszeit im Fall eines neuen kleinen Vorfalls mit einem Meteor beitragen, bei dem nur die schnellsten überleben. Aber würde dieser Teil der Bevölkerung sich der Meditation zuwenden, von der gesagt wird, dass sie der Hauptsteuerhebel auf dem Mittleren Weges sei, oder aber sich nur dem völlig undefinierten Fluss des Populismus hingeben? Ein übler Geheimdienst könnte Informationen in dieser entscheidenden Frage erhalten. Aber auch derartige Organisationen zögern hier nachzuforschen, weil es zu viel mit Waffen zu tun hat, auf die sie selbst übermäßig angewiesen sind. Sie wollen große Publizität vermeiden.

Aah, - zurück zu den -ismen! Steht hier wirklich Krieg bevor? Vielleicht werden zunächst „nur“ Minen verwendet, und wir sollten lernen, sie zu entschärfen. Jede Art von Geschlecht scheint eine eigene Sorte von Minen zu verwenden. Kinder werden brav erzogen, damit sie nicht zu viel Unabhängigkeit, Empathie, Sexualerziehung und Aktivitäten im Freien verlangen. Frauen werden noch im 22. Jahrhundert erzogen, sich mit freier eigener Wahrnehmung und Gehirnaktivitäten zurück zu halten und auf Gefühle, Küchengewürze und fromme Hingabe zu beschränken, Sex nur für die Schaffung von Bambini und Macht verwenden, einen geordneten Haushalt aufrecht zu erhalten und nicht allein reisen zu wollen. Männer sollten lernen Alkohol und ähnliche Drogen zu akzeptieren, um Freiheitsgefühle zu vermeiden und gute Workaholics zu werden, außerdem Wünsche hinsichtlich mehr als einer Frau zu verheimlichen und den Wunsch, eigener Meister zu sein, zu vergessen, und sie müssen gerne herumhetzen und schuften. LGBT-Personen sollen problemlos anpassungsfähig sein und eine dunkle Sonnenbrille tragen, möglichst überhaupt keine eigenen Gefühle zeigen und eher wie ein Sklave leben, sexuelle Wünsche fast vollständig verbergen, tagsüber möglichst unsichtbar bleiben und keine Beschäftigung in führenden Positionen austreben.

Um all diese Minen zu entschärfen, müssten zahllose hochspezialisierte Leute und viel Sozialhilfe eingesetzt werden. Aber Minen sind bekanntlich nur der Beginn einer Kriegsführung. Später kommen sie mit schwerer Artillerie und schließlich mit einer Art Atomwaffen. Ist das im Krieg der Geschlechter vorstellbar? Wird es eine hoffnungslose Situation? Natürlich nicht, weil es schlau sein mag, sich daran zu erinnern, wie der verrückte Rabe bewundernswerte Menschen auf dem Mittleren Weg begleitet. Es müsste also nur das kleine Problem gelöst werden, jene erwähnte, sicherlich nicht unsinnige, aber meist noch unbekannte Straße zu finden, die aber angeblich rutschig sein soll. Diese Suche nach einem ausgeglichenen Weg wäre natürlich eine einfache Aufgabe für Leute mit offenen Augen und Ohren und einem gut trainierten Gehirn, mit offenen Gefühlen und gut atmenden Lungen, einem glücklichen und sicher nicht extrem seltenen Sexualleben und geübter Teilnahme an den Machtspielen der Erwachsenen, und schließlich mit einer starken Affinität zu fernen Orten sowie aber auch guter Anpassung an den eigenen Herkunftsort, an die Heimat.

War deutlich, dass dieser Rabe schon zweimal acht Themen wie zur Auswahl erwähnt hat? Zeigt sich nun etwa, dass es sich um den altbekannten, vereinnahmenden Buddhismus handelt, mit jenen Jahrtausende alten Rezepten, die in abgelegenen Klöstern gelehrt werden, wo Fahnen des Theravada oder von Mahayana für einen Achtfachen Weg wehen? Ooh nein, - die Geschichte wird subtiler! Sorry, der Achtfache Weg lebt in einer anderen Form weiter, weniger ideologisch, weniger fundamentalistisch und ohne Zuordnung zu irgendeiner Gruppe. Zwischen den vier oben erwähnten paarweisen Eigenschaften für das Hirn, die Gefühle, für die sogenannten niederen Instinkte und für die Fähigkeiten, die unseren Extremitäten zugeordnet werden (sie waren weiter oben bereits erwähnt), gibt es in der Realität und in unserer Vorstellung den so seltsamen, aber äußerst nützlichen Mittlerer Weg, den man alleine oder in Gemeinschaft finden und gehen kann. Über die Bezeichnung sollte vielleicht noch ein kurzes Wort gesagt werden. In unserer Gesellschaft wird meist stattdessen etwas vager von Kompromissen geredet. Gefällt das besser?

Wo und wann könnte das verwirklicht werden? Ob Leute wie Putin und Merkel oder Macron und Theresa May wie Xi Jinping und Trump sich darauf einlasssen werden, wenn sie sich treffen? Wäre das eine lächerliche Annahme, weil es in der Diplomatie nur auf Geheimhaltung und raffinierte Tricks ankommt? Wie steht es damit?

Wir haben in unserer Jugend solch einen schlechten Weg daheim und in unserem Privatleben gelernt, und zwar geschieht das durch die angelernten Geschlechterrollen. Wir haben nicht genug über Meditationen und Kompromisse in unserem Privatleben gelernt zwischen den Geschlechtergruppen, die Kinder genannt werden (an erster Stelle!) oder Frauen, Männer und LGBTs (kein guter Name, - besser drittes Geschlecht?). Das Ziel ist nicht nur die Zusammenarbeit. Wir wissen bereits, dass dieser Köder nicht ausreicht. Alle vier oben genannten Paare sind zu berücksichtigen. Dies bedeutet sowohl im imaginären Bereich als auch in der Realität (Mathematiker wie auch Psychologen werden zustimmen) gegenseitiges Verständnis zu suchen und zu finden für unsere Art der Wahrnehmung und unsere Entscheidungen, mit Sympathie und trainierter Fitness, mit offenen Gesprächen über sexuelle Beziehungen (u.a. Geburtenregulierung und Viagra) und akzeptierten Regeln für Machtspiele, und einander gegenseitig gaastfreundlich einladen und gemeinsam zum Beispiel Sprachen und spezielle Fähigkeiten zu lernen.

Ist bewusst, dass überhaupt nicht verlangt wurde, sich mit anderen Menschen zu identifizieren? Vielfalt ist schön und kann hochgehalten werden. All dies bereits im Privatleben zu lernen macht es dann viel einfacher und vielleicht überhaupt erst möglich, diese Aspekte auf das öffentliche Leben zu übertragen und es den oben genannten „großen Tieren“ und all denen zu empfehlen, die sie unterstützen.

Merkt man jetzt, was die -ismen sein können,- nämlich das Übungsfeld für ein friedliches Zusammenleben in dieser schönen Welt, die nach Waffenrauch und schlechter Behandlung der Natur stinkt. Abstand zu wahren ist im Nahbereich sinnvoll, gute Wechselwirkung, welche sowohl lernende Auseinandersetzung als auch gute Kommunikation beinhaltet, hat dagegen im Fernbereich große Bedeutung. Das entspricht Naturgesetzen und ist keine Erfindung des Raben, wie schon in Lehrbüchern über die winzige atomare Welt gelernt werden kann. Es könnte sogar gro0en Spaß machen.


Aufklärung und Toleranz

Intoleranz ist nicht nur eine Geißel unserer Zeit, sondern dies eh und je gewesen. Sogar im Tierreich gehen unsere lieben Freunde gar nicht immer sehr freundlich mit den Andersartigen um. Der Grund ist im Allgemeinen einfach zu durchschauen. Es geht um Territorialansprüche und meistens um knappe Resourcen. In der Mehrzahl der Fälle reduziert sich das Problem auf ein Entweder-so-oder-so.

Dies entspricht einer Ja-oder-nein-Logik, die inzwischen zunehmend als statisch und nicht gerade als modern angesehen wird. Mehr und mehr könnte ein Gefühl dafür entstehen, dass Feinabstimmung notwendig ist,- dass dadurch Dynamik und neues Potential entsteht, was mit der Anerkennung von Fuzzy-Logik als einer fortschrittlichen Erweiterung früheren Blockdenkens und entsprechend konditionierter Gefühle zusammen fällt. Es beschränkt sich nicht nur auf das Denken und Fühlen, sondern betrifft ganz entscheidend auch tiefer liegende Tabu-Bereiche, unseren Sex und Machtverhältnisse und dahinter auch all unsere Unternehmungen und Arbeiten. Oh ja, der Rabe möchte wieder einmal vom Kopf, dem Oberleib und dem Unterleib und den Extremitäten reden.

Toleranz sollte also etwas sein, das wir durch Einsicht und Gefühl und Umgang mit anderen Menschen und durch unser tägliches Leben lernen sollten, indem wir in sämtlichen Bereichen zunehmend fähig werden, dynamisch zu empfinden, auf Abstufungen zu achten und Schwarz-Weiß als fragwürdige Beschränkung zu sehen gegenüber einer farbigeren Welt mit viel mehr Nuancen. Das überbrachte Blockdenken, Blockempfinden, als Block handeln und dementsprechend unser Leben auszurichten ist im Grunde altmodisch, kann aber wunderbar zur Zementierung von Herrschaftsverhältnissen ausgenutzt werden. Es muss also mehr Verantwortung vom Staat auf den Einzelnen übertragen werden, was aber eine aufgeklärte Erziehung voraussetzt, woran es bei uns und nicht nur bei uns noch kräftig mangelt. Aber wenn an dieser Stelle ein moderner Mittlerer Weg erwähnt würde, hätte das bei den Meisten nicht etwa ein Philosophieren oder Meditieren darüber zur Folge, sondern die Leute würde auf die Rabenpest schimpfen und fluchen und zur Jagd auf solch unerwünschte Lebewesen blasen und deren Gekrächze als unverständlich, penetrant und lästig abtun.

Nuanciert zu denken und zu fühlen anstatt hart zu urteilen eröffnet eine viel bessere Feinabstimmung auf detailreiche Fragen und erlaubt uns, ein wenig mehr von einer Angelegenheit Abstand zu nehmen oder sich ihr vorsichtig anzunähern. Auf diese Art lassen sich auch Stimmungen, die schon im voraus zukünftige Trends erkennen lassen, früher spüren oder auch eventuell in Umfragen feststellen, um rechtzeitig daraus die notwendigen Schlüsse zu ziehen und besser als anderweitig Entscheidungen zu treffen, die nicht einfach ein primitives Ja oder Nein beinhalten, sondern ein sinnvolles Korrektiv sind. Heikler ist alles im sexuellen und im Machtbereich. Doch auch dort sollten wir zunehmend lernen, dass Besitz nicht alles ist und Veränderungen nicht nur von Nachteil sind. Im Grunde sind dies Argumente gegen allzu fest gefügte Partnerschaften und zu große Machtanhäufungen, nach dem Motto „Nicht zu klein und nicht zu groß, nicht zu wenig und nicht zu viel, sondern im richtigen Maß“. Für unsere Unternehmungen und Aktivitäten lässt sich dieselbe Vorgabe ebenso anwenden.

Jetzt müsste wieder eine Lektion folgen, um was es eigentlich bei Aufklärung geht. Doch wer wagt schon an das Wespennest zu gehen, welches die etablierten und in ihrer Macht verfestigten Religionen aller Schattierungen darstellen? Sie durchdringen nahezu alles,- unsere Verfassungen, unsere Medien, unsere Vorstellungen von Sexualität und Macht, und unser tägliches Leben von A bis Z, auch dann, wenn wir persönlich vielleicht gar nicht mehr einer religiösen Gemeinschaft angehören wollen. Wann werden die lieben Mitmenschen lernen, Religion und Religiosität voneinander zu trennen? Doch das wird vielleicht in unserer mehr und mehr zerstörten Umwelt immer schwieriger, wenn wir abends am Himmel nicht einmal die Sterne mehr sehen.


Tabuzonen

Traum und Meditation können zusammen gehören,- müssen nicht, aber können. Das mag sehr intime Bereiche betreffen und kommt daher selten oder schwer an die Oberfläche,- zum Vorschein,- oder wie mann oder frau sagen mögen. Kann nur für mann sprechen und nur für den eigenen Fall, aber dort scheint es ziemlich zu stimmen.

Wieso? Nun, Träume beinhalten oft schon von vornherein eine oft schamhaft verborgene oder sogar mehr oder weniger streng tabuisierte Sexualität. Ein Mensch wird sich umso schwerer damit tun, darüber etwas verlauten zu lassen, je höher seine gesellschaftliche Stellung ist, weil vielleicht nicht zu Unrecht befürchtet wird, dadurch lächerlich gemacht zu werden oder Schaden zu erleiden. Die wohlbekannte Bemerkung: “Stelle dir doch den Chef/Präsidenten mal splitternackt vor!” spricht dabei Bände. In der so häufig schweigenden Mittelschicht und unter der wirklich armen Bevölkerung gibt es andere nicht minder handfeste Hindernisse, in diesem Bereich sehr zurückhaltend zu sein, welche hier nicht im Einzelnen erörtert werden sollen. Generell handelt es sich jedoch um ein Gesellschaftsproblem.

So können oder wollen zumindest hierzulande die Menschen häufig nicht erzählen, was in ihren Träumen in sexueller Hinsi9cht vor sich geht. Das könnte sehr aufschlussreich sein, nicht nur für andere Menschen, sondern auch für sie selbst. Doch die Unterdrückung ist offensichtlicht meist so stark, dass es nicht einmal bewusst gemacht wird und folglich auch kein Thema einer Meditation und daraus folgender Erkenntnis im weitesten Sinn wird. Die Menschen scheinen schlicht und einfach nicht in der Lage dafür zu sein.

So wird hier eben auf besagte meist nicht ernst genommene, bisweilen sogar verspottete oder nicht einmal als solche anerkannte Erkenntnis eines Raben zurückgriffen. Zumindest scheint es angebracht zu sein, eine solche Identität vorzugeben, um dieses Thema überhaupt ansprechen zu können. Sich nur als ein nicht akzeptierter Russe namens Igor auszugeben ist wohl nicht ausreichend. Schon was dieser in der Einleitung zu den “101 Nachkriegsnächten” vermitteln wollte, um klar zu machen, dass es “eigentlich” nicht um Lolitas, sondern wenigstens am Anfang zunächst um den in Deutschland vielen selbst im Jahre 2018 immer noch weitgehend rätselhaften Existenzialismus geht, das blieb und bleibt im Allgemeinen auf der Strecke. Keine Aussage über die Zukunft!

Warum soll das denn überhaupt so sehr mit Sexualität zu tun haben, ist oft die nächste Frage all derer, die dazu nichts hören oder sagen wollen. Viele werden behaupten, dass dieses Thema sie nicht betrifft. Ob das auf Tabuisierung beruht oder nicht, sei hier nicht lange diskutiert, sondern einfach aus der eigenen Traumkiste erwas erzählt, was relevant erscheint und vielleicht schon genügend Ablehnung hervorruft. Ob es nur als ein spezieller Fall angesehen wird oder doch eine allgemeinere Bedeutung hat? Auf jeden Fall ist nicht beabsichtigt, eine psychische Fallbeschreibung abzuliefern.

Der scheinbar ganz simple Traum eines unverblümt direkten sexuellen Angebots von einer schönen jungen, aber sich nicht sprachlich äußernden und weder identifizierten noch bekannten Frau, welches aber nicht zum Ziel führt und schon bei der Penetration abbricht, . . . der Satz bleibt im Halse stecken wie auch der Traum.

Ein Fall für Meditation? Die besagte Einleitung des erwähnten leider unangenehm dicken Buchs schien in der Absicht geschrieben zu sein, eine solche Meditation anzubieten oder gar zu zeigen. Doch die Reaktionen gingen von willigem Konsum bis zu völliger Abscheu und gelangten praktisch nie zu dem erwünschten Punkt, der ach so ersehnten und ach so verschmähten Einsicht. Einsicht in was? In eigenes Leiden, das gar nicht so schlimm erschien? Oder in etwas Anderes, in irgendwelche durchaus abwertend gemeinte irrationale Bereiche? Nein, es ging um nicht rational fassbare und eben besser als nicht-rational.bezeichnete Bereiche.

Das sind in moderner wissenschaftlich angehauchter Sprache Singularitätten, welche nicht in reduzierten Koordinaten beschrieben werden können, wie zum Beispiel der direkt erlebte vier-dimensionale Krieg, nicht aber derjenige, der auf Fernsehbildschirmen in zwei Dimensionen mit obendrein reduziertem Ton präsentiert wird. Worin bestand und besteht wohl auch noch der Mangel der eigenen Präsentation in jenem Buch, welche nicht nur Unverständnis, sondern auch pure Ablehnung und sogar handfeste Wut hervorgerufen hat?


Multipolare Einsamkeit

Schon in meiner Jugend habe ich in lauter verschiedenen Welten gelebt, die wenig untereinander ver­bun­den waren. Erst waren das grundverschiedene Familien. Unsere eigene war bereits hinsichtlich der Herkunft von Vater und Mutter nicht einheit­lich, und ebenso diejenige der Großeltern. Außerdem spiegelte sich das in verschie­denen Wohnorten, teils in der Stadt, teils an der Küste auf dem Land.   
Unsere Unterkunft im Wochenendhaus der Großeltern an der Ostseeküste nach der Evakuierung aus der Stadt änderte sich dramatisch gegen Kriegsende. Mir gefiel zunächst dieser Ortswechsel, nicht aber all der Wech­sel der Menschen. Wenn diese, wie vielfach geschehen, für immer verschwanden durch Umzug, Emigration oder Tod, machte das schwer zu schaffen.
Verstärkt wurde all dies durch zahlreiche Erlebnisse, deren Bedeutung von den Menschen um mich herum nicht sehr mitgefühlt oder sogar heruntergespielt wurde, die mir aber heute als einfach brutal in Erin­nerung sind. Werde beinahe von einer abfahrenden Straßenbahn überfahren, als ich noch aufspringen will. Schaue mir als ein spannendes Spektakel an, wie die dicken Sprengbomben aus den gewaltigen Flugzeug-Verbänden kleckern. Das Nachbarhaus in 10 Meter Entfernung stürzt, als wir bei einem nächt­lichen Fliegerangriff auf dessen Seite im Keller sitzen, durch eine Bombe zusammen. Der immense Knall taucht kaum in der Erinnerung auf, nur der eindringende Staub. Man lässt mich nicht wissen, was mit den Menschen in ihm geschehen ist. Während der Kriegszeit an der Küste gehen sowohl unsere Woh­nung als auch die großelterliche beide in Flammen auf. Ein deutsches Flugzeug wird wenige hun­dert Meter vor meinen Augen gleich hinter den Sandbänken über dem Meer abge­schossen. Ich sehe, wie es dem Pilo­ten bei der geringen Flughöhe nicht mehr gelingt auszusteigen. Einige Wochen später schaue ich unmit­telbar zu, wie die inzwischen eingetroffenen Besatzungssoldaten alle Fischerboote, dort damals eine Hauptnahrungsquelle, mit Spreng­ladungen zer­störten.
Verstärkt wurden diese Erfahrungen durch die recht extremen Lebensumstände insbesondere während der harten grimmig kalten Wintermonate. Im November wäre bei einer Sturmflut der Deich um ein Haar gebro­chen, wo ich des Nachts beim Sandsäcke-Schleppen dabei war. Es folgte extreme Kälte mit minus 32 Grad und vom zugefro­renen Meer im Sturm an Land gewehten viele Meter hohen Schnee­massen. Jeden Morgen fuhr ich in einer ungeheizten Kleinbahn knapp 30 km zur Schole und hatte mit dickem Rauch nicht von Zigaretten, sondern ersatzweisen Pflanzenblättern zu kämpfen und danach die Spuren meiner Übelkeit selbst zu beseitigen. Tauwetter brachte später gewaltige  Überschwemmungen, bis zu einem halben Meter hoch im Haus stehend.
Man könnte meinen, dass mich das krank gemacht oder seelisch gestört hat. Es gab zwar nicht gerade leichte, zumindest vordergründig infektionsbe­dingte Krankheiten. Doch mehr trifft das auf meine sexuelle Entwicklung zu. Eine Klassenkameradin, die ich sehr gerne mochte, verschwand nach Österreich und durfte nicht mehr kontaktiert werden. Der Vater tauchte nur selten auf und kümmerte sich wenig um uns Kin­der.

Ansonsten gefiel mir dieses als interessant empfundene Leben. Nach der Rückkehr in die Stadt folgten ca. sieben Jahre später erste eigene heiß ersehnte Reisen, mit dem Fahrrad bis nach Österreich und zurück und noch mit einem Visum nach Paris, doch wieder ohne jede Mög­lichkeit zur Identifi­kation. Ich verstand die Vielfältigkeit als einen Gewinn, jedoch mit der Einschrän­kung, dass es eigentlich lebenslänglich nie einen einzigen Menschen gegeben hat, mit dem ich all diesen Erfahrungsschatz teilen konnte. Später habe ich solche wechselnde Lebensformen in anderen Ländern weiter gesucht und bewusst durch das Erlernen der jeweiligen Sprachen vertieft, was noch mehr unmöglich machte, einen solchen Menschen zu finden, der diese Multipolarität mit mir teilen konnte.
Das Fazit zeigte sich nach manch einer späteren Meditation, die jeweils zu erneuter Meditation anregte.  Je weiter es nach innen oder nach außen geht, desto einsamer wird der Weg.  

Erst im Alter verstand ich, was mich zu jener Zeit hätte krank machen können, aber nicht so empfunden wurde. Das wird heute als post-traumatisches Stress-Syndrom bezeichnet, vor allem von der gewaltige Bombenexplosion ausgelöst und von Psychologen eben als Krankheit behandelt. Zusätzlich kann wohl durchaus von einem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom gesprochen werden, für welches die typischen Symptome weitgehend zutreffen. Selber habe ich beides später als wesentlichen Anstoß zu Vielseitigkeit verstanden, also nicht ein Spezialist zu werden, was zwar gewiss berufliche Nachteile mit sich brachte. Aber die vom Elternhaus eingeimpfren Wünsche nach einer Karriere sind verflogen. Heute empfinde ich die nur so möglich gewesenen vielseitigen Lebenserfahrungen und die gewonnene große Mobilität als eine große Bereicherung.  

An dieser Stelle werden gewiss kritische Stimmen kommen, die sagen, ich ginge wohl mit meiner Selbstdiagnostik ein wenig zu weit. Doch meine ich hier ohne zu große Anmaßung berechtigt zu sein, eine kritische Einstellung gegenüber einem nicht unerheblichen Teil der Ärzte entgegenstellen zu dürfen.

Das soll gar nicht so sehr deren Fähigkeiten betreffen, sondern vor allem den oft ziemlich hektischen Betrieb in der täglichen Praxis. Es bleibt den Ärzten nur wenig Zeit, sich über neue Forschungs-Ergebnisse zu orientieren. Diese sind dazu noch meist in Englisch abgefasst und werden von der viel gepriesenen Zeitschrift “Ärzteblatt” nur beschränkt wiedergegeben. Über die durchschnittlichen Kenntnisse dieser Sprache bei vielen von ihnen meine ich guten Gewissens etwas die Nase rümpfen zu können, ohne mich gleich arrogant fühlen zu müssen.


Tropenkrankheiten

Ein wesentlicher Teil von persönlichen Erfahrungen mit Krankheiten waren erst viel später mehrere Infektionen während meines Aufenthalts in Bangkok. Dort gilt als erste Devise im Fall von eigener Erkrankung ähnlich wie angeblich auch in abgelegenen Gebieten ohne leicht erreichbare ärztliche Versorgung, vor allem auch in den USA, dass man sich selber helfen muss. Das ist gewiss weitgehend eine Frage der Bildung und in heutiger Zeit vor allem auch der Fähigkeit zur Information durch das Internet.

Deutsche ärztliche Informationen sind äußerst restriktiv in der Angabe von genauen Diagnose- und Therapie-Möglichkeiten und empfehlen meist nach wenigen Zeilen den Besuch eines Arztes. Die sicher nicht völlig abzustreitende, aber oft auch durchaus übertrieben erscheinende Warnung, dass nur, ja, nur der Arzt die unbedingt nötige Erfahrung zur Diagnose habe, wird in unseren extrem Sicherheits-bedürftig erscheinenden Landen weit in den Vordergrund gestellt, überzeugt mich aber zunehmend weniger, selbst wenn man mich wegen falscher Anmaßung beschimpft. Wohlgemerkt möchte ich nicht andere Menschen diagnostizieren und behandeln , sondern mich selbst unter bisweilen im Leben nicht ganz durchschnittlichen Umständen. Das hat sich bei mir in mehreren Fällen als durchaus sinnvoll herausgestellt, und vielleicht sogar besser als endlose Gänge in oft mehr als von Patienten geahnt mit Keimen verseuchte Arztpraxen und Kliniken. Zusätzliche Neuinfektionen scheinen oft in ihrer Häufigkeit gründlich unterschätzt zu werden. Der Zeitgewinn durch schnelle Behandlung mag durchaus zusätzlich eine positive Rolle spielen. Während längerer Voranmeldezeit können Symptome sich nicht selten entscheidend verschlimmern, was der Arzt zwar durch vorheriges Abfragen ausschalten möchte, aber nicht immer kann.

Ärztliche Untersuchungen haben gewiss sehr ihren Sinn und sind sowohl für die in Deutschland immer noch unzureichend medizinisch informierten Patienten sinnvoll und waren auch für mich selbst insbesondere bevor der Abreise nach Asien eine gute Sache zur Abklärung von schwelenden Problemen. Insbesondere wurden Rektaluntersuchungen gemacht und “kleine Reparaturen” am Dickdarm durchgeführt. Als wichtigstes Ergebnis erschien mir aber in der Folgezeit, dass die etwas ungewöhnliche Lage meines Blinddarms auf Röntgenaufnahmen festgestellt wurde, woraus ich selber folgerte, wie man dieses bisweilen lästige Ding bei auftretenden Schmerzen so massieren kann, dass es sich bei einer Reizung entleert. Meinem Vater, genetisch natürlich ähnlich, war es seinerzeit bei einer Blinddarmoperation ziemlich übel ergangen, was mir so vor allem auch in Asien erspart blieb.

Doh jetzt zu den eigentlichen Tropenkrankheiten, deren rezidives Verhalten mich auch in der Gegenwart (Juni 2018) wieder plagte. Auf ungeklärte Art habe ich mir im Jahre 2012 die Chikungunya-Viruserkrankung “aufgegabelt”. Durch Vergleich mit den Symptomen ähnlicher Erkrankungen wie z.B. Dengue-Fieber schien mir die Diagnose nach dem Studium einer Reihe von amerikanischen Internetartikeln, insbesonderee der renommierten Mayoklinik, schnell genügend eindeutig. Das wesentliche Fazit der dort angegebenen Behandlungsmethoden war, dass klinische Behandlung vergleichsweise wenig bringt und es vor allem auf Ruhe und gute, ja, beste Ernährung ankommt. Das habe ich mit gutem Erfolg getan. Die Zeit war insbesondere wegen hohen Fiebers unangenehm, aber die Heilung stellte sich als praktisch vollständig und ohne weitere Folgen heraus. Das soll aber kein Grund für Einbildung sein.

Der zweite Fall war kritischer. Diesmal gab es am auslösenden Moment keinen Zweifel, doch ich behielt die Episode hinsichtlich des Erlebnisses aus vielleicht verständlichen Gründen schamhaft für mich. Damals ging ich auf dem oft Überraschungs-reichen holperigen Fußweg der belebten Hauptstraße in meinem Bangkoker Viertel zu einem Esseenstand oder Karren. Da kommt eine - man verzeihe die Worte! – einmalig attraktive Schönheit des Landes vorbei, und ich drehe mich natürlich um. Peng! - stolpere ich über den dort durchaus hohen Kantstein und reiße mir den großen Zeh in der Sandale auf. Na ja, blutete etwas, hörte aber nald wieder aus. In diesem Zusammenhang wird hier schnell klar sein, dass es ein sträflicher Leichtsinn war, nicht sofort für sehr gründliche Desinfizierung zu sorgen. Doch der Gedanke an die tolle Frau war eben bei mir missgeratenem Mann stärker, und ich musste dafür büßen und auch jetzt immer noch. Doch langsam!

Wieder übte ich mich in Selbstdiagnose und wieder kam ich wohl nicht völlig falsch zu der unangenehmen Erkenntnis, dass das eine Bilharzie war, wogegen es nach übereinstimmender Meinung nur ein einziges nicht ganz harmloses, aber gut wirksames Medikament gibt,- mit nur 2 % Lethalität. Deutsche Ärzte würden damit nicht so locker umgehen wie ich zu jener Zeit. Doch dieses Gefühl verging mir, nachdem ich die Pillen in einer für sich gewiss erzählenswerten Odyssee im dortigen Großstadtdschungel aufgegabelt hatte, nach der Einnahme sehr schnell. Die Nebenwirkungen waren erheblich und ich folglich mit der Doisierung vorsichtig. Das wiederum stellte sich als falsch heraus. Wie auch in der Behandlungs-Beschreibung angegeben war die vollstänige und vom Körpergewicht abhängige genau zu bestimmnede Menge essentiell wichtig. So konnte ich die ganze unangenehme Prozedur in noch unangenehmerer Form ein zweites Mal wiederholen, gehörte aber zu den 98 % Überlebenden und war danach wirklich geheilt. Allerdings wurde vor nicht seltenen Rezidivfällen gewarnt.

Jetzt, fünf Jahre später in Bärlien, habe ich mal wieder eine nicht ganz leichte,- sprich: mit Anstrengungen verbundenen - Reise in den wärmeren Süden Europas gemacht und bin mit einer vielleicht auch schon vorher entstandenen Myositis-artigen sehr schmerzhaften Erkrankung nach Hause gekommen. Muskelschmerzen, weiße Flecken auf der Haut, extreme Müdigkeit,- an der Diagnose war wieder einmal arroganterweise wenig Zweifel, ohne allerdings die genaue Ursache bestimmen zu können, was wesentlich sein mag.

Dass dies ein Rezidivfall besagter Bilharzie war, ging mir quasi per Meditation erst jetzt auf. Die simple Behandlung mit aufgelegtem Eisbeutel brachte erstaunlich schnell guten Erfolg,- mal wieder davon gekommen!

Eigentlich hatte ich mehr die Erfolglosigkeit der Webseite ARS-UNA.net wie eine Krankheit m Kopf, an deren Verbesserung ich tagtäglich herum bastelte, was kaum ein Mensch zur Kenntnis zu nehmen schien. Früher gab es vorrangig eben eine “tolle” Frau.

Ein nicht unerheblicher Teil des hier Geschilderten blieb in den bisherigen Büchern über die Kriegs- und Nachkriegszeit und die Jahre in Thailand ausgeblendet. Verdrängung ist wohl die richtige Bezeichnung dafür. Wichtig erscheint mir aber zu betonen, dass ich die Folgen der Erlebnisse nicht so sehr als psychische Schädigung empfinde als vielmehr wie eine Zerstörung vielleicht gar nicht so guter, in mir angelegter gesellschaftlich bedingter Strukturen, wodurch schlussendlich zusätzliche gar nicht so schlechte Freiheiten und Möglichkeiten geschaffen wurden.


Freiheit gibt keinen Halt  

Bedroht zu viel Freiheit die Gesellschaft?

Wenn lockere Vögel wie etwa ein Rabe von Freiheit krächzen und sie offensichtlich sogar auszuleben scheinen, empfinden viele Menschen, die sich als gute Mitglieder ihrer Gesellschaft fühlen, eher Abscheu und nur selten Zustimmung.

Das steht in krassem Gegensatz zur privat und öffentlich zunehmend erklärten positiven Einstellung zur Freiheit, welche doch in autoritären Systemen so schrecklich bedroht ist. Einsamkeit scheint moderne Gesellschaften zu bedrohen. So suchen die Menschen Zusammenhalt, doch sie fühlen sich in ihrer Suche zunehmend verunsichert und trauen sich nur ungern, allein etwas Neues zu unternehmen. Traditionen werden hochgehalten, und Fortschritt wird argwöhnisch beäugt. Sie verweisen darauf, dass sie so erzogen worden sind und dass dies gut für den Zusammenhalt der Gesellschaft ist. Man könne prinzipiell gemeinsam mehr als allein erreichen. Doch wo soll man sich zusammenschließen und mit welchem Ziel?

Beobachtung der tatsächlichen Verhältnisse zeigt deutlich und schnell, dass in diesem Punkt große Verunsicherungen bestehen. Die öffentlichen Medien, lokale Organisationen, der Bekannten- und Freundeskreis oder die eigene Familie geben widersprüchliche oder überhaupt wenig Orientierung. Wenn diese mehr oder weniger vollständig fehlt, trifft man sich eben bei Kaffee und Kuchen oder am unverbindlichen Stammtisch. Im besten Fall wird gesagt, einen eigenen Weg zu finden sei wichtig, doch sogleich werden vielleicht sogar durchaus gut gemeinte Ratschläge nachgeschoben. Dass diese bereits eine massive Beeeinflussung darstellen können, ist dabei im Allgemeinen nicht klar.

Nicht beeinflussbar zu sein wird dabei nicht selten sogar zu einer Tugend erhoben. Oft nicht ganz zu Unrecht verweisen viele Leute auf schlechte Erfahrungen, die sie im Laufe ihres Lebens mit dieser oder jener Gruppe gemacht haben oder von welcher sie gehört haben. Doch als Resultat ziehen sie sich nur allzu häufig in die schweigende Mehrheit zurück. Selbst scheinbar neutrale Philosophie wird skeptisch betrachtet und kaum als geeignet angesehen, hier einen Ausweg oder gar etwas zu finden, was anstelle der früheren brüchig gewordenen Ziele treten könnte. Festgegründete Religionen erhalten immer noch den Vorrang. Obendrein schauen alle derartigen neuen Strömungen so kompliziert aus, dass es kein Wunder zu sein scheint, wenn einfach gestrickte populistische Angebote den Vorzug erhalten.

Die alternative Philosophie setzt an genau diesen Punkten an. Einfache Darstellung wird gefordert, ohne aber in pure Behauptungen abzugleiten. Die Ausgangspunkte, Axiomatik genannt, müssen bereits einfach sein und dürfen nicht durch eine fälschlich Achtung gebietende Fachsprache vernebelt werden. Ferner müssen entscheidend neue Punkte klar herausgestellt und verständlich gemacht werden.

Als einfachste Formulierung wurden die zunächst unverdaulich abstrakt erscheinenden kurzen Sätze: „Entwicklung existiert (ist)“ und „Sein (Existenz)) entwickelt sich“ genannt. Wirkungen zwischen beiden bilden unsere Wirklichkeit. Das bedeutet den Übergang von festgefügten (statischen) zu beweglichen (dynamischen) Vorstellungen.

An dieser Stelle sollen nicht ausführliche Erklärungen, Interpretationen und mögliche Weiterführungen dieser knappen Grundsätze gegeben werden. Für alle immer notwendige Axiomatik sind keine Beweise möglich. Wichtiger erscheint, ihre durchsichtige und von keinerlei Weltanschauung beeinflusste Art herauszustellen und anzuerkennen, dass es dringend notwendig sein dürfte, für die Verbreitung von solch einfachen und gewiss unschädlichen, aber zukunftsorientierten Vorstellungen zu sorgen. Als kleiner Hinweis zur Erläuterung sei nur darauf hingewiesen, dass der erste kleine Satz „Entwicklung existiert“ zu Initiativen und Flexibilität auffordert, während der zweite Satz „Sein entwickelt sich“ Toleranz und Ausgleich beinhaltet.

„Modern heißt dynamisch“ wurde als Slogan bereits in vorhergehenden Texten genannt. Dynamik setzt jedoch Freiheit voraus. Jede Gesellschaft verlangt aber eine Einschränkung von Freiheiten zum Wohl der Gemeinschaft. Dieser Sachverhalt muss also möglichst gut in all seinen Auswirkungen erfasst, beurteilt und berücksichtigt werden, und zwar in möglichst vielerlei Hinsicht,- nicht nur rational, sondern auch gefühlsmäßig, Machtverhältnisse betreffend und bei all unseren Aktivitäten.

Wenn wir das wirklich tun, dürfte langsam oder schnell, aber auf jeden Fall klar werden, welchen unsinnigen oder gar grob schädlichen Gruppierungen nicht wenige Menschen anhängen und was eigentlich die tieferen Gründe sind. Im Prinzip bedeutet jedoch größere Freiheit ein Weniger an Gesellschaft, was nicht immer schlecht sein muss. Außenseiter können ihr viel Gutes bringen, und jede Gesellschaft sollte ein Gleichgewicht zulassen zwischen gleichermaßen nützlichen Sesshaften aller Art und Nomaden, ganz egal, ob letztere mit einem Kamel oder einem Notebook unterwegs sind, und auch auf die Gefahr hin, dass sie weniger kontrollierbar sind.


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Updatd Nov. 25, 2018